Lexikon der Filmbegriffe

Pygmalion-Motiv

Kernmotiv der Gesellschaftskomödie und des Melodramas, gelegentlich auch der romantischen Komödie: Ein Mann in „reifen“ Jahren und aus gehobenen Verhältnissen nimmt eine junge Frau aus einer tieferen Schicht unter seine Fittiche mit dem Ziel, sie zu „erziehen“ und „gesellschaftsfähig“ zu machen. Was als Spielerei beginnt, nimmt meist die Wendung zur Liebesgeschichte, wobei es oft zur Umkehrung der Rollen kommt: Nun ist es die Schülerin, die dem Lehrer etwas beibringt (allerdings fast ausschließlich auf der Ebene der Gefühle). An der Richtigkeit dieses sozialen Experiments und an der Natürlichkeit der Konstellation der Geschlechterrollen wird selten gezweifelt, stattdessen sollen die Frauen ihren Lehrern dankbar sein, dass sie auf den „richtigen“ Weg gebracht worden sind – natürlich um den Preis ihres vorherigen Lebens. Nach George Bernard Shaws Theaterstück Pygmalion von 1913 (verfilmt 1938), das dem antiken Mythos neues Leben gab, sind prototypische Filme des Motivs: Love Letters (1945, William Dieterle) und vor allem My Fair Lady (1964, George Cukor) mit seinen zahllosen Varianten. Der Stoff ist durchaus aktuell: Noch 1990 zog Pretty Woman mit der antiquiert und restaurativ wirkenden Geschichte ein Massenpublikum an: Börsenmakler erschafft sich eine perfekte Projektion, errettet und zivilisiert sie und bekennt sich am Ende zu seiner Liebe zu ihr.
Auf einer metaphorischen Ebene wird nichts anderes erzählt, als dass der Mann sich eine Frau nach seinen Wünschen erschafft. Genau dies ist der Kern des ursprünglich griechischen Pygmalion-Mythos, der dem Motiv den Namen gab: Der Bildhauer Pygmalion verliebte sich in eine von ihm geschaffene Frauenstatue, der Aphrodite auf Pygmalions Flehen hin Leben einhauchte.


Artikel zuletzt geändert am 26.07.2011


Verfasser: PB


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