Lexikon der Filmbegriffe

Tagebuchverfilmung

Bei der filmischen Umsetzung eines realen oder fiktiven Tagebuchs sind zwei Möglichkeiten denkbar: Entweder wird der Akt des Tagebuchschreibens explizit dargestellt und das, was notiert wird, in einer Rückblendenstruktur erzählt. Oder aber das Schreiben wird ausgeblendet und die Tagebuchpassagen in ein Voice-Over verlegt, so dass der Film als Icherzählung daherkommt und als Tagebuchverfilmung gar nicht mehr erkennbar ist (so dass auch Biopics wie Mrs. Parkington, 1944, Tay Garnett, als Tagebuch-Film ausgewiesen werden; man denke auch an den Tagebuch-Roman, der Désirée, 1954, Henry Koster, zugrunde lag). Verfilmungen realer Tagebuchvorlagen (wie The Diary of Anne Frank, 1959, George Stevens) sind oft ein besonderer Mix aus Autobiografie und Charakterstudie, außerdem finden sich Abstecher in den Experimentalfilm (Max Frisch – Journal I-III, 1978, Richard Dindo). Dabei wird den Büchern selbst meist ein Höchstmaß an Authentizität und Intimität zugeschrieben. Außerdem gelten sie als Ort, an dem Verruchtes, aber auch Geständnisse und die inneren Abgründe einer Person zum Vorschein kommen (wie in Tagebuch einer Verlorenen, 1929, G.W. Pabst) – was wiederum Pseudo-Tagebücher anregt (wie Les Carnets du Major Thompson, 1956, Preston Sturges). Dabei wird oft vergessen, dass Tagebücher nicht per se für Authentizität garantieren, sondern im Gegenteil eine schriftliche Selbstinszenierung ermöglichen, die mehr oder weniger nah an die Realität herankommen kann: In Tagebüchern steht nicht nur, wie man ist, sondern auch, wie man sein möchte; nicht nur, was man tut, sondern auch, was man will etc. Insofern geben sie weniger Auskunft über den Istzustand einer Person als vielmehr über deren subjektive Vorstellungswelten, die zugleich kulturell und historisch bedingt sind. Gerade darum aber bieten sich Tagebuchstrukturen als Vorlage zu satirischer Darstellung an (wie in Diary of a Chambermaid, 1946, Jean Renoir; Remake: Le Journal d‘une Femme de Chambre, 1964, Luis Bunuel).

Literatur: James, David: Diary/film/diary film: Jonas Mekas’ Walden. In: Frame-Work: the Journal of Images and Culture 2,3, 1989, S. 21-23.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB


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