Lexikon der Filmbegriffe

Assoziationsmontage

selten: metaphorische Montage; manchmal auch in Anlehnung an Eisenstein: Kollisionsmontage

Eisenstein vollzog den Übergang von der amerikanischen Parallelmontage zur Assoziationsmontage. Anstelle der von Griffith ausgeprägten Parallelhandlung, mit der das Geschehen an verschiedenen Orten durch den Bildschnitt erzählt und zu einem dramatischen Geschehen verknüpft werden konnte, entwickelte Eisenstein die metaphorische Parallelmontage, mit der die Struktur dramatischer Vorgänge durch ein episch-kommentierendes narratives Element verändert wurde. So wurde im Bronenosec Potjomkin (dt.: Panzerkreuzer Potemkin, 1925) als Abschluss der Sequenzen, mit denen das Blutbad auf der Odessaer Treppe entwickelt wird, der sich aufrichtende steinerne Löwe eingeschnitten. Mit dieser Sequenz wurde ein Vorgang in seiner ganzen dramatischen Wucht plastisch bildhaft erzählt. Die drei dokumentarisch gefilmten Löwen der Treppe des Alupka-Schlosses wurden durch die Montage zur Chiffre der historischen Aktion des Panzerkreuzers. Interessant an dieser Montage ist, dass Eisenstein zu einer Form griff, mit der es möglich war, von einer Vielzahl konkret darzustellender Handlungen (beispielsweise Matrosen richten Kanonen ein, Empörung, Hass, Kampfentschlossenheit auf dem Schiff) zu abstrahieren, also verkürzt zu erzählen. Eine metaphorische Parallelität ist kennzeichnend für den Schluss von Statschka (dt.: Streik, 1924) mit der packenden Montage von Bildern einer Stierschlachtung mit Bildern von Kosaken, die Arbeiter niedersäbeln.


Assoziationsmontage basiert auf der elementaren Fähigkeit des Menschen, aus signifikativen Bruchstücken höhere Einheiten des Denkens zu synthetisieren: Fügt man Einstellungen aneinander, die keine Handlung gemein haben, keinen gemeinsamen Raum, keine Ähnlichkeit, stellt sich doch der Eindruck eines Zusammenhangs her. Dabei treffen u.U. Bedeutungen aufeinander, die – in Eisensteins Metapher – miteinander kollidieren und dabei Bedeutungsimpulse freisetzen, die zu einem Dritten, Nichtgezeigten voranschreiten. Die in der Assoziation erschlossenen Bedeutungen sind nicht immer eindeutig oder stabil. Die Bildfolge etwa lässt heute die Bedeutung „saurer Regen“ oder „Umweltverschmutzung“ entstehen. Wenngleich Assoziationsmontagen mit der außerordentlichen Produktivität spielen, die Bildfolgen in der Rezeption erweisen können, tendieren auch sie zur Konventionalisierung. Wenn etwa im russischen Revolutionskino die Bildfolge „Kapitalist“ signifiziert, so ist sie Stereotyp gewordene Assoziation.

Literatur: Holenstein, Elmar: Phänomenologie der Assoziation. Zu Struktur und Funktion eines Grundprinzips der passiven Genesis bei E. Husserl. Den Haag: Nijhoff 1972. – Klejman, Naum I.: Der aufbrüllende Löwe. Zur Entstehung, Bedeutung und Funktion einer Montage-Metapher. In: Montage/AV 2,2, 1993, S. 5-34.
 

Referenzen:

Kontrastmontage

paralleles Syntagma


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: LH HJW


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