Lexikon der Filmbegriffe

Pop Art

Die Pop Art nahm ihren Ausgang in einer komplexen Situation im England der 1940er Jah­re: Amerikanische Truppen waren ins Land gekommen, um die Briten gegen die drohende In­va­sion Nazideutschlands zu unterstützen. Nach dem Krieg galten diese G.I.s – und ihre Kul­tur, vor allem die Filme, die sie mit ins Land brachten – im Volksmund als „over­­paid, over­se­xed and over here“. Als sich das wiederaufblühende England kulturell dem sozialen Rea­­lis­mus der „Kitchen sink school“ verschrieb, begann eine Formation von Malern und Kri­­tikern, unter ihnen Richard Hamilton, Eduardo Paolozzi und Lawrence Allo­way, die ame­ri­ka­nische Konsumentenkultur in den Kunstbetrieb zu integrieren. Entscheidend wird das Jahr 1956: Wäh­­rend Nikolaus Pevsner noch „The Englishness of English Art“ veröffent­lichte, ver­wies die Gründungsikone der britischen Pop Art, eine Collage Hamiltons für die Ausstellung „This Is Tomor­row“, auf kommende Verheißungen: In Zukunft werde, dank moder­ner Technik, jeg­­li­cher Lu­xus zu Hause zu genießen sein; allein für den Kinobesuch müsse man das traute Heim noch ver­lassen. In einem Brief vom Januar 1957 beschrieb Hamilton die Essenzen der Pop Art: Sie werde für jedermann verständlich, vergänglich, überflüssig, billig, industriell pro­du­ziert, jung (und für Junge gemacht), witzig, sexy, gimmicky, glamourös und nicht zuletzt ein großes Ge­schäft sein. Die meisten dieser Eigenschaften löste dann die amerikanische Pop Art ein, die Anfang der 1960er Jahre explodierte, weil sie sich zwei Vorteile zunutze machen konnte­: die Erschöpfung des abstrakten Expressionismus in der Malerei sowie den gerade mit kul­tu­rellen Neuerungen verbundenen Natio­nal­stolz der Amerikaner. Die Symbolik der flags und maps wird ersetzt durch isolierende Groß-Aufnahmen banaler Alltagsgegen­stände, die nur das Kriterium made oder seen in the U.S.A. erfüllen mussten: Comic-Panels, Pin-Ups, High­ways, Markenartikel aller Art und nicht zuletzt Leinwandstars sind die Objekte der ame­ri­­kanischen Pop Art.
Gemäß ihrer genetischen Differenz beeinflusste die Pop Art die Filmproduktion in bei­den Ländern unterschiedlich. Während in England das „Populäre“ der Pop Art überwog und eine lebendige Auseinandersetzung von High und Low in Gang kam – Beispiele sind Pop Goes the Easel (1962, Ken Russell), alle Beatles-Filme, Privilege (1967, Peter Watkins) –, blieb die amerikanische Pop Art auf Museen und Galerien beschränkt und wurde alsbald durch kon­zep­tuelle Kunst verdrängt. Bezeichnend ist, dass die paradigmatische Auseinander­set­zung von Film und jener folgenschweren Erneuerung der bildenden Kunst hier einem Nicht-Amerikaner überlassen blieb: Michelangelo Antonioni mit seinem Film Zabriskie Point (1969).

Literatur: Joselit, David: American art since 1945. London: Thames & Hudson 2003. – Kock, Bernhard: Michelangelo Antonionis Bilderwelt. Eine phänomenologische Studie. München: Diskurs Film 1994. – Lippard, Lucy R.: Pop Art. München/Zürich: Droemer-Knaur 1968. – Brauer, David E.: Pop Art. U.S./U.K. Connections, 1956-1966. Ausstellungskatalog The Menil Collection. Houston/Texas. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2001. – Wilson, Simon: Pop Art. München/Zürich: Droemer-Knaur 1975.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: TM


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