Lexikon der Filmbegriffe

Prostitution im Film

Die Geschichte der filmischen Darstellung von Prostitution ist äußerst heterogen. Prostitution als Sujet taucht in verschiedensten Genres und stilgeschichtlichen Epochen auf, z.B. im Expressionismus, in der Postmoderne, als Farce, als Gesellschaftssatire, als Melodram.
Die filmische Darstellung von weiblicher Prostitution brachte mit den sogenannten ‚Straßenfilmen‘ der 1910er und 1920er Jahre, auch ‚Dirnenfilme‘ genannt, ein eigenes Genre hervor. In diesem wurde die Prostituierte als von materieller Not getrieben oder als nymphomanisch gezeichnet, wurde der Blick aufs Sexuelle freigegeben, und die Sexualmoral und die progressive Moral der Filme gerieten zur Anklage gegen die patriarchal-bürgerliche Doppelmoral.
Zudem ist Prostitutionsdarstellung, je nach Jahrzehnt, von unterschiedlichsten Diskursen und populärkulturellen Strömungen durchwirkt. Nach Seeßlen bilden Genre, Klischee, dramaturgisches Grundmuster und Funktion die Achsen für die dominanten Darstellungsstränge. Der populäre Film hält sich an das melodramatische Klischee der ‚Hure mit Herz‘, der Western wartet mit den tapferen good bad girls des Saloons und den Mexikanerinnen der Bordelle auf, während der Kriminalfilm der bevorzugte Ort der romantisch-unwirklichen ‚Huren‘ ist. Geheimnisvolle ‚Huren‘ tauchen in mehr oder weniger poetischen Filmen auf, wohingegen die Komödie ein eigenes, komödiantisches Huren-Bild entwirft. Der Autorenfilm suggeriert eine realitätsnahe Prostitutionsdarstellung. Als wichtigster Darstellungsmodus der Filmprostituierten kann die Zeichnung der Hurengestalt als paradoxe Vereinigung von Hure und Heiliger bezeichnet werden (programmatisch in dem Fernsehfilm Die heilige Hure, BRD 1998, Dominique Othenin-Girard).

Filme: Die Büchse der Pandora (Deutschland 1929, Georg Wilhelm Pabst); Irma la Douce (USA 1963, Billy Wilder); Belle de jour (Frankreich/Italien 1967, Luis Buñuel); Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (Belgien 1976, Chantal Akerman); Whore (USA/Großbritannien 1991, Ken Russell); Lilja 4-ever (Schweden 2002, Lukas Moodysson); Princesas (Spanien 2005, Fernando León de Aranoa).

Literatur: Gruteser, Michael: Der verkaufte Körper. Prostitution im Film. In: Kino der Extreme. Kulturanalytische Studien. Hrsg. v. Marcus Stiglegger. St. Augustin: Gardez!-Vlg. 2002, S. 131-149. – Hagener, Malte (Hrsg.): Geschlecht in Fesseln. Sexualität zwischen Aufklärung und Ausbeutung im Weimarer Kino 1918 – 1933. München: Edition Text + Kritik 2000. – Simmons, Jerold L.: The Production Code & precedent. How Hollywood’s censors sought to eliminate brothels & prostitution in From Here to Eternity and East of Eden. In: Journal of Popular Film and Television 20,3, 1992, S. 69-80. – Wagner, Hedwig: Die Prostituierte im Film. Zum Verhältnis von Gender und Medium. Bielefeld: transcript 2006.
 

Referenzen:

Dirnenfilm


Artikel zuletzt geändert am 29.05.2012


Verfasser: HW


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