Lexikon der Filmbegriffe

Montage: Geschichte

Das Kino der Frühzeit war starr – die unmittelbare Verknüpfung eines Bildes, eines Handlungsraums und einer Handlung bildete den Inszenierungsrahmen der ersten Filme. Doch schnell kam Entwicklung in Gang: Mit den Aneinanderreihungen von Einzelszenen, wie sie z.B. Méliès vornahm, entwickelte sich eine erste Technik, größere Filmerzählungen vorzutragen. Die Geschichte der Montage beginnt mit der Entdeckung, dass man die Subjektivität des Blicks in der Bilderfolge ausdrücken kann – mit der emphatischen Hervorhebung von Ansichten, die sich beim Blick durch Mikroskope und Schlüssellöcher ergeben. Ein zweiter Typus ist die Hervorhebung eines Geschehens durch Heransprung (an einen Kuss oder ein zentrales Objekt etwa). Mit den ersten Versuchen zu einer szenischen Auflösung, wie sie vor allem Porter entwickelte, insbesondere der Parallelmontage, tritt die Montage in den Kreis der Erzähltechniken ein. Gemeinhin wird David Wark Griffith als „Vater der Montage“ bezeichnet.
Zum zentralen Topos von Filmtheorie, -kritik und -praxis wird die Montage im sowjetischen Revolutionskino der 1920er Jahre. Die Theorien Eisensteins, Pudowkins und Wertows fanden rasche Verbreitung und zeigten auch in der künstlerischen Produktion anderer Länder ihren Niederschlag.
Die Entwicklung des Tonfilms erweiterte das Feld der filmischen Ausdrucksmöglichkeiten und der Bereiche, in denen „montiert“ werden konnte und musste. Das „Tonfilmmanifest“ von Eisenstein, Pudowkin und Alexandrow (1928) ist eine der ersten und bis heute radikalsten Kampfschriften für eine konsequent „kontrapunktische“ Verwendung des Tones als eines zusätzlichen Montageelementes.
Die weitere Entwicklung der Montageformen ist entweder gebunden an einzelne Genres (wie den Kompilationsfilm), an programmatische und medienethische Diskussionen (wie im Dokumentarfilm und im ethnografischen Film), an andere Medien (Fernsehen, Video), an technische Entwicklungen (Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung, Videoschnitt etc.). Für die poetische Entwicklung der Montage ist die negative Orientierung am Continuity-System Hollywoods zentral geblieben (wie sie z.B. im Werk Godards manifest wird, das mit Ellipsen, jump-cuts, Achsensprüngen, Tonverzerrungen durchsetzt ist).

Literatur: Beller, Hans (Hrsg.): Handbuch der Filmmontage. Praxis und Prinzipien des Filmschnitts. München: TR-Verlagsunion 1993. – Dancyger, Ken: The technique of film and video editing. Theory and practice. 2nd. Ed. Boston [...]: Focal Press 1997. – Dmytryk, Edward: On Film Editing. An Introduction to the Art of Film Construction. Boston/London: Focal Press 1984. – Fairservice, Don: Film editing. History, theory and practice. Manchester/New York: Manchester University Press 2001. – Fritz, Horst (Hrsg.):) Montage in Theater und Film. Tübingen/Basel: Francke 1993. – Reisz, Karel / Millar, Gavin: Geschichte und Technik der Filmmontage. München: Filmlandpresse 1988. – Schumm, Gerhard: Der Film verliert sein Handwerk. Montagetechnik und Filmsprache auf dem Weg zur elektronischen Postproduction. Münster: MAkS Publikationen 1989 (Film- und Fernsehwissenschaftliche Arbeiten.).


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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