Lexikon der Filmbegriffe

Neoformalismus I

Neoformalistische Filmanalyse, wie sie von David Bordwell und Kristin Thompson vorgeschlagen worden ist, ist nur eines der Teilstücke in einem Gesamtforschungsprojekt, das sich im „Dreieck“ von Filmtheorie, -analyse und -geschichte bewegt. Die anderen beiden Eckpfeiler des Projekts bilden eine kognitiv orientierte Theorie des Films, die das interaktive Verhältnis von Zuschauer und filmischer Struktur zu bestimmen und den Prozess filmischer Textverarbeitung zu verstehen sucht, sowie der Entwurf einer historischen Poetik des Films, die die Grundlage für eine Geschichte der filmischen Stile bereitstellt und als Bezugsrahmen der Analysen einzelner Filme angesehen werden muss.
Das Einzelwerk wird primär verhandelt als Auseinandersetzung mit der stilistischen Tradition, die den Hintergrund bildet, vor dem Verfremdung als Indiz der ästhetischen Qualität eines Films sichtbar wird. Das Verfremdungskonzept – vielleicht das zentrale Konzept des Neoformalismus – übernehmen Bordwell und Thompson aus dem russischen Formalismus. In Sklovskijs einflussreichem Text Kunst als Verfahren (1916) wird das Kunstwerk als eine Technik beschrieben, die unsere Wahrnehmung entautomatisieren und so einen „fremden“ Blick auf das (scheinbar) Vertraute ermöglichen soll. Die Geschichte ästhetischer Formen ist die Geschichte immer neuer Entautomatisierungen, immer neuer Abweichungen von den ästhetischen Normen durch neue künstlerische Verfahren bzw. ihre Einpassung in ihnen ursprünglich „fremde“ Kontexte.
Poetologische Beschreibung ist Verfahrensbeschreibung. Poetizität als eigentlicher Gegenstand der Beschreibung manifestiert sich in formalen Strukturen. Die primäre Bezugsgröße ist das Repräsentationssystem des Films selbst (seine „Form“), nicht das, was repräsentiert wird (ein wie auch immer gearteter „Inhalt“). Zumindest tendenziell wird die Form-Inhalt-Distinktion aufgehoben, „Inhalt“ erscheint nicht denk- und greifbar außerhalb der formalen Gestaltetheit durch das Werk. „Meaning“ („Bedeutung“/„Sinn“) tritt also nur als Element der Form auf. „Meaning“ ist in Film Art z.B. aber nicht vollständig aufgehoben, sondern relativiert an einem besonderen filmwissenschaftlichen Interesse: Es steht außer Frage, dass Filme „von etwas“ handeln; es sei aber die Aufgabe der filmwissenschaftlichen Beschreibung zu bestimmen, in welcher Art und Weise von diesen Gegenständen die Rede ist.

Literatur: Bordwell, David / Thompson, Kristin: Film Art: An Introduction. Reading, Mass.: Addison-Wesley 1979. Zahlr. Neuaufl. u. Überarb. – Thompson, Kristin: Breaking the Glass Armor: Neoformalist Film Analysis. Princeton, N.J.: Princeton University Press 1988. – Themenschwerpunkt der Montage/AV 4,1, 1995, S. 5-62.

Referenzen:

Dominante

Exzess

Neoformalismus II: historische Stilistik

ostranenie


Artikel zuletzt geändert am 29.05.2012


Verfasser: BH HJW


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