Lexikon der Filmbegriffe

Kollektivfilm

manchmal auch: Gruppenfilm

Film ist zwar ein kollektives Produkt, doch wird er meist strikt arbeitsteilig hergestellt. An eine gemeinschaftliche Erarbeitung von Konzepten und Entscheidungen ist in aller Regel nicht zu denken. Auch der Autorenfilm gibt die Dominanz Einzelner in den Gestaltungsprozessen nicht auf, vergrößert womöglich sogar noch den Einfluss des Regisseurs auf das Produkt. Seit den 1920ern gab es immer wieder die Idee eines kollektiven Kinos, die Gruppen der russischen Regisseure um Dsiga Vertov oder Lev Kuleshov werden bis heute als „Kollektive“ bezeichnet. Immer blieb die Frage, wer die letztendliche Form des Films bestimmt, offen. Der russische Dokumentarfilm 24 Stunden Krieg in der UdSSR wurde von 240 Kameraleuten am 13.6.1942 gleichzeitig gedreht; unklar ist, wer die Aufnahmen schließlich zu einem vorführbaren Film komponierte. Auch Omnibusfilme werden oft als „Kollektivfilme“ bezeichnet – meist zu Unrecht, kompilieren sie doch in erster Linie thematisch zusammenhängende, aber konventionell arbeitsteilig hergestellte Filme. Insofern ist auch die oft zu lesende Behauptung, Filme wie Deutschland im Herbst (1978) oder 11‘09‘‘01 (2002) seien Kollektivfilme, mit großer Skepsis zu verstehen: Es gab Vorabstimmungen über Thema und Atmosphäre, aber keine weitergehende Aufhebung der professionellen Zuständigkeiten. Erst im Zusammenhang mit den Protestbewegungen der 1960er entstanden politische Filme, die im engeren Sinne als Kollektivfilme zu bezeichnen sind, die aber künstlerisch fast nie überzeugen konnten und heute meist vergessen sind (wie Tutto, tutto nello stesso instante, Italien 1968, an dem 14 Filmemacher gleichberechtigt kooperierten). Ein bis heute bekannter Ausnahmefilm ist Winter Soldier (1971), der ein Tribunal dokumentiert, auf dem Vietnam-Soldaten sich selbst als Kriegsverbrecher bezichtigten; für diesen Film war das „Wintersoldier-Collective“ verantwortlich, ein Zusammenschluss von 19 unabhängigen Filmemachern. Zu den meist politisch motivierten Gruppen dieser Zeit gehört das 1967 gegründete Newsreel-Kollektiv um die New Yorker Filmmakers‘ Cooperative (das bis 1978 arbeitete), aber auch die englische Gruppe Amber-Film. 
 

Referenzen:

Amber / Amber Film

Drittes Kino III: Postkolonialismus


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: AS


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