Lexikon der Filmbegriffe

Kultivierungshypothese

auch: Kultivationsthese; engl.: cultivation hypothesis

Die Kultivationsthese geht auf die Vielseherforschung des Medienwissenschaftlers George Gerbner zurück. Er interessierte sich für die Rolle des Fernsehens bei der Vermittlung des Weltbildes der Rezipienten – mit der These, dass gerade bei Vielsehern die Vorstellungen darüber, wie die Realität beschaffen ist, durch die Art der Darstellung von Realität im Fernsehen beeinflußt würde. Um Zusammenhänge in der Bedeutung der Gewalt in den Programmen des Fernsehens und in den Umgehensweisen von Zuschauern mit Gewalt in der Realität nachzuweisen, korrelierte er eine Inhaltsanalyse des TV-Programms (bei der er Indikatoren der Art und Weise, wie Realität dargestellt wird, sichern wollte; darum nannte er diesen Teil der Untersuchung Cultural Indicator Analysis) sowie eine Rezipientenbefragung (die eigentliche Cultivation Analysis). Tatsächlich stellte das Fernsehen Realität hochgradig verzerrt dar, zeigte viel mehr Gewalt, vor allem mehr Tötungsdelikte, als in der Realität geschehen; Gewalt wird hier meist von Männern ausgeübt, sie wird als fundamentales Mittel zur Konfliktlösung skizziert. Und es zeigte sich, dass Vielseher die Realität für viel gewalttätiger hielten, als sie tatsächlich war. Die praktischen Effekte dieser Realitätsannahme muten paradox an: Vielseher hatten prinzipiell mehr Angst vor Gewalt, was aber wiederum zur Erhöhung von Gewaltbereitschaft führte – die Zuschauer meinten, sie müssten sich in der gewalttätigen Welt verteidigen. Sie hatten nicht Gewalt als positives Verhaltensmodell übernommen, sondern die Gewalthaltigkeit der dargestellten Welt als real angesehen – eine Welt, auf die sie u.U. defensiv selbst gewaltausübend reagieren mussten. Die These ist seitdem massiv diskutiert worden; das wichtigste Gegenargument drehte die Argumentation um und vermutete, dass vom sozialen Umfeld, aber auch vom jeweiligen Individuum präferierte Realitätsbild sei der Auslöser für den hohen Fernsehkonsum der Vielseher (z.B. bei eskapistischer Mediennutzung). Eine Vielzahl von Studien unterstrich aber die Annahme, dass das Fernsehen sozialisatorisch wirkt und die Realitätsannahmen von Zuschauern fundamental beeinflusst. Auf der Basis der Annahme eines Kultivierungseffekts formulierte Gerbner später das oft sogenannte „Mainstreaming-Konzept“, dem zufolge das Fernsehen Einstellungsunterschiede in der Bevölkerung angleiche und zu einer Konvergenz der Standpunkte führe.

Literatur: Wulff, Hans J.: Kultivierungshypothese / cultivation analysis. In: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 12, 2003 [Bibliographie]. – Gerbner, George: Against the mainstream. The selected works of George Gerbner. New York [...]: Lang 2002. – Shanahan, James / Morgan, Michael: Cultivation Research: History, Theory, Meta-Analysis. London: Cambridge University Press 1999. – Special issue: Current developments in cultivation research. = Communications. The European Journal of Communication 29,3, 2004.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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