Lexikon der Filmbegriffe

Rollenarbeit

Rollenarbeit bezeichnet die Auseinandersetzung des Schauspielers mit einer Bühnenfigur im Rahmen von Probenarbeit und Aufführung. Sie umfasst die Rollenanalyse sowie den Prozess des Erlebens und Darstellens, der von der improvisatorischen Annäherung bis zur Fixierung der gefundenen Spielvorgänge und Haltungen. Dabei werden alle Ausdrucksmittel der Bühne – Requisiten und Objekte, Musik und Klang, Kostüm und Maske, der Bühnenraum – unterstützend einbezogen. Nach Stanislawski dient die Rollenanalyse als erster Schritt dazu, Umfeld, Biographie und Innenleben der Figur zu befragen, um dem Spiel Sinn, Folgerichtigkeit oder auch Widersprüchlichkeit zu verleihen. Der Schauspieler muss, um die Figur sowohl erleben wie darstellen zu können, zum Zwecke der Glaubwürdigkeit auf analoge eigene Erfahrungen oder Beobachtungen zurückgreifen, muss zugleich das Ausgangsmaterial durch gezielte Eingriffe verdichten. Die beiden Pole des Erlebens und Darstellens, der Identifikation und der Demonstration gelten als nicht-hintergehbare Bestandteile des Spielens.
Eine illusionistische Auffassung des Theaters verlangt die detailgenaue Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wirklichkeitstreue und Lebensechtheit des Spiels sollen durch Nachahmung und Einbringen korrespondierender Eigenerfahrungen garantiert werden. Die Frage, wie man sich selbst in einer analogen Situation verhalten würde, und die damit einhergehende Aktivierung des emotionalen Gedächtnisses des Schauspielers, die grundlegende Motivierung der Handlungen und Verhaltensweisen, die Auseinandersetzung mit verborgenen Subtexten und emotionalen Bedeutungen, die Einbeziehung des Körpers in die Darstellung sind nach Stanislawski Elemente eines illusionierenden, wahrhaftigen Spiels. Dagegen plädieren anti-illusionistische Schauspielertheoretiker wie Brecht oder Meyerhold für das Primat des Darstellens gegenüber dem Erleben, also für die rationale Distanz zur Rolle, die kritische Selbstbeobachtung im Spiel und die bewusste Konstruktion der Bühnenvorgänge. Mittels Verfremdungstechniken soll die scheinbare Einheit von Schauspieler und Rolle immer wieder aufgebrochen werden – Aussteigen aus der Rolle mit direkter Publikumsansprache, Einsatz von Masken und Filmmaterial, Rede von der Figur in der dritten Person oder Mitsprechen von Kommentaren und Regieanweisungen, Beschleunigung oder Verlangsamung des Spiels, Übertreibung der körpersprachlichen Mittel und Mechanisierung der Abläufe.

Literatur: Stanislawski, Konstantin S.: Das Geheimnis des schauspielerischen Erfolgs. In: Klassiker der Schauspielregie. Hrsg. v. Manfred Brauneck. Reinbek: Rowohlt 1988, S. 61-77. – Strasberg, Lee: Schauspielen und Training des Schauspielers. Ein Beitrag zur „Method“. Hrsg. v. Wolfgang Wermelskirch. Berlin: Alexander Vlg. 1988. 2. Aufl. 1994. – Rellstab, Felix: Theorie des Theaterspiels nach Stanislawski und Brecht. In: Konstantin Stanislawski. Neue Aspekte und Perspektiven. Hrsg. v. Günter Ahrends. Tübingen: Francke 1992, S. 109-122.

Referenzen:

emotional recall

Method Acting

Stanislawski-System


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: JW JH


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