Lexikon der Filmbegriffe

Bordell und Kino

Bordell und Kino sind institutionell verschränkt, und das mediale Dispositiv kommt selbst ins Spiel. Gertrud Koch hat die beiden Topoi Kino und Bordell zueinander in Beziehung gesetzt und u.a. für die frühe Filmgeschichte die ökonomische, institutionelle und personelle Beteiligung der Prostituierten am Vertrieb von Kinokarten für den pornografischen Film ausgewiesen. Das Kino im Bordell bereicherte Bordellbesitzer und Filmpornografieproduzenten, bildete aber nicht nur ökonomisch eine symbiotische Einheit aus – die Projektion pornografischer Filme im Bordell hat zu einer neuartigen Sinnenorganisation geführt. Das Sehen wurde nach dieser These im Laufe der frühen Filmgeschichte gegenüber allen anderen Sinnesmodalitäten dominant. Begehren und Skopophilie verselbständigten sich, die synästhetische, alle fünf Sinne umfassende Rezeption löste sich auf. Die heute oft als natürlich angesehene psychische Organisation von Begehren und Sexualität schuldet sich dieser These folgend dem Kino bzw. dem Film, auch wenn Kino und Bordell Sexualität unterschiedlich organisierten und das Bordell paradoxerweise die Beschränkung des Sexuellen auf das Sichtbare aufhob.

Literatur: Koch, Gertrud: Was ich erbeute, sind Bilder. Zum Diskurs der Geschlechter im Film. Basel/Frankfurt: Stroemfeld / Roter Stern 1989. – Moreck, Curt [d.i. Haemmerling, Konrad]: Sittengeschichte des Kinos. Dresden: Aretz 1926. - Schlüpmann, Heide: Das Bordell als arkadischer Ort? Tagebuch einer Verlorenen von G.W. Papst [sic!]. In: Frauen und Film, 43, 1987, S.76-91.


Artikel zuletzt geändert am 28.07.2011


Verfasser: HW


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