Lexikon der Filmbegriffe

gefallene Frau

Figur im Melodrama, aber auch in Frauenfilmen und Mutterdramen melodramatischer Prägung. Im Zentrum stehen die aus (klein-)bürgerlichen Lebenszusammenhängen „gefallene“ Frau, eine tragische Liebe oder das Problem des Ausgehaltenwerdens durch einen reichen Verführer, das meist durch äußere Umstände erzwungene Abgleiten der Protagonistin in das Verbrechen oder die Prostitution, die vergewaltigte Frau oder die unverheiratete Mutter sowie die Möglichkeiten der Rehabilitation durch die Ehe. Ein klassischer Fall aus der Literatur ist neben Tolstois Anna Karenina (verfilmt u.a.: USA 1935, Clarence Brown) die Figur der Fontaneschen Effi Briest, die nach der Entdeckung ihres Seitensprungs als gefallene Frau krank und lebensmüde in das elterliche Haus und auf ihre geliebte Schaukel zurückkehrt (Fontane Effi Briest, BRD 1974, Rainer Werner Fassbinder). Ein klassisches und extremes Beispiel aus dem Film ist G.W. PabstsDas Tagebuch einer Verlorenen (Deutschland 1929), der scharfe Kritik an bürgerlichen Moralvorstellungen übt.
Das Motiv ist nicht nur, aber insbesondere in den frühen 1930er Jahren beliebt und wird oft mit Verständnis für die betroffenen Frauen behandelt; gelegentlich ergreifen die Filme sogar Partei für die Opfer des gesellschaftlichen Urteils, das gerade Frauen aus den Sphären des gesellschaftlich Anerkannten ausschließt. Ein Beispiel ist Stella Dallas (USA 1937, King Vidor), der die Geschichte einer Frau erzählt, die aus den engen Fesseln ihrer Ehe ausbricht und dafür nicht nur mit dem Ausschluss aus der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch mit dem Verlust der Tochter bestraft wird. Bei aller Sympathie für die Protagonistinnen wird die Grundsituation allerdings oft genug als eine schlüpfrige dargestellt und als solche auch ausgekostet. Heute spielt das Motiv keine zentrale Rolle mehr. Aber noch Peter Mullans The Magdalena Sisters (Großbritannien 2002) demonstriert an vier jungen Frauen die fatale und repressive Rolle der Kirche im Umgang mit dem Modell der „gefallenen Frau“ und der dahinterstehenden Vorstellungen von Ehre und Pflicht. 

Literatur: Jacob, Lea: The Wages of Sin. Censorship and the fallen woman film 1928-1942. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 1997. Zuerst 1991. – Logan, Deborah Anna: Fallenness in Victorian women's writing : marry, stitch, die, or do worse. Columbia, Mo. [...]: University of Missouri Press 1998.

 

Referenzen:

Prostitution im Film


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: PB


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