Lexikon der Filmbegriffe

Grenzüberschreitung

Grenzüberschreitung ist ein Begriff aus der strukturalen Erzähltheorie von Jurij M. Lotman. Danach lassen sich erzählte Welten in zwei Teilwelten (bei Lotman: semantische Räume) aufgliedern, die topographisch (innen/außen, hier/dort, unten/oben etc.) und semantisch (gut/böse, vertraut/fremd, geschützt/gefährlich etc.) einander scharf gegenübergestellt sind. Der Wechsel von der einen in die andere Welt ist kontrolliert, meist untersagt, bildet eine „Ordnungswidrigkeit“ und wird sanktioniert. Eine Grenzüberschreitung liegt genau dann vor, wenn eine Figur über die Grenze zwischen derartigen Räumen versetzt wird; sie kann willentlich und aktiv oder unwillentlich und passiv den Übertritt vornehmen, in Form einer Reise, der Veränderung von Gewohnheiten, durch gewaltsames Eindringen oder passives Verbracht-Werden usw. Elementare narrative Strukturen basieren auf der Dynamik von Räumen und Überschreitungen – nach der Überschreitung hat sich die Figur oder die Relation der semantischen Räume verändert, ist möglicherweise auch restauriert worden.

Literatur: Renner, Karl Nikolaus: Der Findling. Eine Erzählung von Heinrich von Kleist und ein Film von George Moorse. Prinzipien einer adäquaten Wiedergabe narrativer Strukturen. München: Fink, 1983, bes. 41ff.


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: AS


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