Lexikon der Filmbegriffe

Hypothesenbildung

engl.: hypothesizing

Antizipationen haben auch den Charakter von Hypothesen. Sie sind in die Zukunft gerichtete Affekte oder sie begleiten Affekte, die sich auf kommendes Geschehen richten (in diesem Sinne etwa spricht Bloch von den Erwartungsaffekten); die Hypothese dagegen ist eine kognitive Repräsentation einer gegebenen Lage mit Blick darauf, wie sie sich in welchen Wahrscheinlichkeiten entwickeln wird.
Die Hypothesenbildung wiederum ist ein sehr komplexer Prozess. Er umfasst (1) die Formulierung einer substantiellen Annahme über den weiteren Fortgang des Geschehens (in einem engeren und in einem weiteren Sinne – Fortgang der Szene, Fortgang der Geschichte), (2) ihre Lokalisierung in die Stereotypien der Genres, der stilistischen, ideologischen und zeitaktuellen Bezüge sowie der dramaturgischen Muster der Erzählung sowie (3) ihre Evaluation hinsichtlich dramaturgischer Bedingungen (zwar steht die Hauptfigur = der Star in großer Gefahr, aber er kann nicht zu Beginn des Films sterben). Unter der Hand wird mit der Hypothesenbildung eine Vorstrukturierung der noch bevorstehenden weiteren Aneignung des Textes vollzogen, Aufmerksamkeit gesteuert, Filter von Relevanz und Signifikanz aufgerichtet.

Literatur: Bordwell, David: Narration in the fiction film. Madison, Wisc.: University of Wisconsin Press 1985, bes. 31-47. – Meijsing, Monica: Expectations in understanding complex stories. In: Poetics 9, 1980, S. 213-221. – Ohler, Peter / Nieding, Gerhild: Antizipation und Spieltätigkeit bei der Rezeption narrativer Filme. In: Nicht allein das Laufbild auf der Leinwand... Strukturen des Films als Erlebnispotentiale. ­Hrsg. v. Jörg Frieß, Britta Hartmann u. Eggo Mül­ler. Berlin: Vistas 2001, S. 13-30.

Referenzen:

Antizipation

falscher Alarm

falsche Fährte

roter Hering


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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