Lexikon der Filmbegriffe

Ereignis

engl.: event

Das Konzept des „Ereignisses“ entstammt der strukturalen Erzähltheorie Jurij M. Lotmans: Eine narrative Struktur wird durch ein Ereignis konstituiert (resp. ermöglicht), das dann vorliegt, wenn eine der handelnden Figuren über eine Grenze semantischer Räume versetzt wird oder diese aktiv überschreitet. Deshalb spricht man im Deutschen auch von „Grenzüberschreitung“. Lotman unterscheidet zwischen normalen Ereignissen und Metaereignissen: Normale Ereignisse liegen vor, wenn eine Figur die Grenze zwischen zwei semantischen Räumen überschreitet, die Ordnung der Welt aber intakt bleibt, vor wie nach der Grenzüberschreitung existieren dieselben semantischen Räume; Metaereignisse sind dagegen Ereignisse, bei denen nicht nur eine Figur in einen anderen semantischen Raum übergeht, sondern das System der semantischen Räume (= die ideologische Ordnung der dargestellten Welt) in einen neuen Zustand transformiert wird. Ereignishaft können ebenso Verstöße gegen Regeln, Verletzungen von Verboten, räumliche Bewegungen, die Verweigerung von Handlungen, Tugend-Brüche und anderes mehr sein. Die Geltung der grundliegenden Normen oder Verhaltensmaximen wird oft explizit formuliert (durch den Erzähler oder eine Figur der erzählten Welt), ebenso oft sind sie aber nur implizit zu erschließen. Die durch Ereignisse angestoßenen Geschichten werden beendigt, wenn das Ereignis „getilgt“ wird – wenn also die Figur in den Ausgangszustand zurückkehrt oder wenn sie im Gegenraum aufgeht, ist die Bewegung der Figur durch die semantischen Räume der erzählten Welt nun zu einem (fortgeschrittenen) Ende gekommen.

Literatur: Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München: Fink 1972. – Renner, Karl N.: Zu den Brennpunkten des Geschehens. Erweiterung der Grenzüberschreitungstheorie. Die Extrempunktregel. In: Diskurs Film. Münchner Beiträge zur Filmphilologie 1, 1986, S. 115–130.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HJW


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