Lexikon der Filmbegriffe

Kommunikologie

Kommunikologie nannte Vilém Flusser seine Theorie menschlicher Kommunikation, für ihn jener Prozess ist, durch den Informationen gespeichert, verarbeitet und weitergegeben werden, aber auch stetig neue Informationen erzeugt werden. Kommunikologie beschäftigt sich mit den Formen und Codes dieser Informationsvermittlungen, deren historische Wandlungen Flusser von der Höhlenmalerei bis zur Kommunikation in Computernetzen zu erfassen suchte. Immer geht es dabei um den Zusammenhang von Kommunikation, technischen Medien und Öffentlichkeit. Dabei gilt es auch, historische Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die praktische Entmündigung des Subjekts durch die Massenmedien durch neue Formen der Netz-Kommunikation überwunden werden kann.
Kommunikation kann nach Flusser zwei Grundformen annehmen. (1) Klare Trennung zwischen Autor, Sender und Empfänger, allein der Autor kann gleichzeitig auch Sender sein. Wiederum kann sich das kommunikative Machtverhältnis in vier Formen entfalten: (1.1) als strikt hierarchisch aufgebaute Pyramide; als Beispiel können kirchliche und viele bürokratische Systeme dienen; (1.2) als Baum, an dessen Spitze ein kommunikatives Prinzip oder Ethos steht; in der Wissenschaft z.B. sind die Übermittlungsptozesse dialogisch organisisert, die Empfänger analysieren und kritisieren die erhaltenen Informationen, nehmen sie nicht einfach nur hin; (1.3) als Theater, in dem Sender und Empfänger einander zugewandt sind; der Sender schirmt das hinter ihm liegende ab, firmiert nur als Vermittler oder Aufführender von Botschaften, die selbst nicht verändert werden können; Theater und Kino sind Manifestationen dieser Form, zu der aber auch die Vorlesung gehört; (1.4) als Amphitheater, in dem weder Sender noch Empfänger einen vordefinierten Ort haben; beide sind diffus orientiert, adressieren also nicht einen einzigen und besonderen Kommunikationspartner; die Akteure stehen in „grenzenloser Zerstreuung“, es herrscht – nach Flusser – totale Kommunikation bei totaler Kommunikationsunmöglichkeit; herkömmliche Massenkommunikation folge diesem Modell. (2) Dialogische Struktur, keine Trennung der Funktion von Autor, Sender und Empfänger, jeder Beteiligte kann jede Rolle übernehmen; wiederum lassen sich zwei Formen unterscheiden: (2.1) Im Kreis sind die beteiligten Kommunikationspartner um eine leere Mitte versammelt; (2.2) im Netz dagegen erfolgt die Synthese der Information durch die Diffusion im Netz; Telefon, Brief und Internet sind technische Realisierungen des Format. 

Literatur: Flusser, Vilém: Medienkultur. Frankfurt: Fischer 1997. – Flusser, Vilém: Kommunikologie. Frankfurt: Fischer 1998. Zuerst Mannheim: Bollmann 1996.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: HJW


Zurück