Lexikon der Filmbegriffe

Gefängnisfilm: Charakteristiken

Nachdem das Genre in den 1930er Jahren zu erster Blüte gelangte, haben sich eine ganze Reihe von Thematiken herausgebildet, die seitdem vielfach behandelt worden sind: (1) Häufig reproduziert das soziale Innensystem des Gefängnisses Machtverhältnisse und Organisationsformen der äußeren Realität, erweist sich also als eine der Erscheinungsformen der kapitalistischen Wirklichkeitsordnung. (2) Gefängnisse bilden eigene kleine soziale Systeme, in der die tatsächlichen Machtverhältnisse in oft krassem Kontrast zu dem in der institutionellen Verfassung begründeten Rollenverhältnis von Wärtern und Insassen stehen. (3) Im Gefängnis organisiert sich eine Männergesellschaft, männliche Muster von sozialem Verhalten und sozialer Orientierung konturieren den sozialen Raum. Auffallend darum eine zweite Gruppe von Gefängnisfilmen, die in Frauengefängnissen spielt und die ihre Spannung oft gerade aus dem Kontrast der Weiblichkeit der Akteure und der Männlichkeit ihrer Handlungsorientierungen und -motive gewinnt. (4) Bedingt durch die Abgeschiedenheit des Gefängnisses gegen die umgebende Gesellschaft erweist es sich als ein Sozialisationsrahmen, in dem besondere Persönlichkeitsmerkmale erworben werden können, in dem vor allem Kriminalisierung als „verborgenes Curriculum“ verfolgt wird. (5) Die meisten Gefängnisfilme sind Filme über Kollektive und die soziale Innenstruktur der Gefängniswelt, über Machtverhältnisse und Geheimbünde. Individuelle Freiräume existieren nicht oder werden radikal eingeschränkt. Tendenziell lebt der einzelne im Gefängnis unter dauernder Aufsicht, in einem potentiell immer öffentlichen Raum. (6) Soziale Kontrolle bildet oft eine unmittelbare Gegenbewegung aus – darum handeln Gefängnisfilme oft über Individuen, die sich gegen Entwürdigung und Unterdrückung auflehnen, sei es durch Widerstandsakte oder durch Flucht. (7) Die Unterdrückung und Sublimierung von Sexualität bilden eines der verdeckten Dauerthemen der Gefängnisfilme: Und man könnte sogar so weit gehen, anzunehmen, dass die Untersagung der Sexualität und - im weiteren Sinne - die Verleugnung der Körperlichkeit des Gefangenen die eigentliche und rigideste Form der Strafe ist. (8) Schließlich ist das Programm der Gefängnisse ein Diskurs, der auch in den Gefängnisfilmen selbst geführt wird. Da steht das Modell der Rache gegen das der Verwahrung und gegen das der Resozialisierung. Sozialarbeiterische Konzepte stehen gegen Konzepte der Sicherstellung. Und es stehen „heiße“ Formen der Beziehung zwischen Helfern/Beamten und Delinquenten gegen entsprechend "kalte", empathische Formen der Teilnahme gegen bürokratische usw. (9) Schließlich stellt sich immer wieder die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Anlaß und Strafe, insbesondere natürlich in solchen Fällen, in denen jemand irrtümlicherweise zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. 

Literatur: Wulff, Hans J.: Drei Bemerkungen zur Motiv- und Genreanalyse am Beispiel des Gefängnisfilms. In: 6. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium, Berlin '93. [Akten.] Berlin: Gesellschaft für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation 1994, S. 149-154.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: HJW


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