Lexikon der Filmbegriffe

Kino-Glas

russ., = Film-Auge

In der noch jungen UdSSR wurde die Filmproduktion verstaatlicht, in Arbeitsgruppen aufgeteilt und damit beauftragt, bei der Aufklärung des russischen Volks und der Verbreitung revolutionärer Ideen mitzuwirken. Der Dokumentarist Dziga Vertov gründete die Gruppe Kino-Glas, die zum ersten Mal in der Filmgeschichte ein ausgewiesenes dokumentaristisches Programm verfolgte. Die Metapher basiert darauf, dass das menschliche Auge für unvollkommen erklärt wird – so, wie der Mensch das Mikroskop erfunden habe, um kleinste Dinge sehen zu können, benötige er die Kamera, um „das Leben“ sichtbar zu machen. Vertov lehnte jede Art der Inszenierung radikal ab. Dokumentarisches Material ist idealerweise mit versteckter Kamera gefilmt. Allerdings gibt sich die Realität nicht ohne Montage im Kino zu erkennen – da es die Aufgabe des Kinos ist, Wahrheiten zu verbreiten (Vertovs Wochenschau-Projekt nannte sich explizit „Kino-Pravda“ = Kino-Wahrheit), und da nicht jede Wahrheit sich im Bild selbst aussagen lässt, muss auf allen Ebenen des Filmemachens Montage einsetzen, die das Material zur Organisation des Lebens selbst öffnet. Kunst soll das Leben nicht nur beschreiben, sondern durch technisch-naturwissenschaftliche Denk- und Gestaltungsprinzipien neu aufbauen. So puristisch das Programm der Kino-Glas sich anhört, so sehr gelangten die Filme durch die Perfektionierung der Montageformen zu einem eigenen Ausdrucks-Repertoire. Z.B. setzte Vertov die einzelnen Szenen zu rhythmischen Skalen zusammen, die die Dauer der Szenen als Montage-Grundlage zu erfassen suchten. 

Literatur: Vertov, Dziga: Kino-eye. The writings of Dziga Vertov. Ed. and with an introd. by Annette Michelson. Berkeley [...]: University of California Press 1984. – Vertov, Dziga: Tagebücher, Arbeitshefte. Hrsg. von Thomas Tode und Alexandra Gramatke. Berlin: PotemkinPress 1998. – Petric, Vlada: Vertov's Cinematic Transposition of Reality. In: Beyond Document: Essays on Nonfiction Film. Ed. by Charles Warren. Hanover, NH: University Press of New England 1996, S. 271-294.
 

Referenzen:

Agitki

Kino-Pravda

Kinoki


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: AS


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