Lexikon der Filmbegriffe

Anti-Western

auch: Hippie-Western

Ein Subgenre des Western, das sich mit seinem Kern zeitlich von der Mitte der 1960er bis in die Mitte der 1970er Jahre eingrenzen lässt. Die 1960er Jahre, eine Zeit der politischen Protest- und Gegenkulturen (Hippies) angesichts schwindenden Vertrauens in die eigene militärische Größe und die großartige Überlegenheit amerikanischer Kultur und Zivilisation, bringen einen misstrauischen Blick auf den Gloriolenschein der amerikanischen Landnahme-Epik hervor, ermöglichen die Aufarbeitung der eigenen Landesgeschichte und eine kritische, zuweilen hämische Neubewertung historischer Ereignisse und des bisher verehrten Grundstocks an Helden des Colts, der Flasche und der Spielkarten, gewähren andererseits auch die Möglichkeit, alte Geschichten neubewertet zu erzählen (wie z.B. in Martin Ritts Hombre, 1967, in dem die Geschichte aus John Fords Stagecoach von 1939 einer ganz anderen moralischen Perspektivierung unterzogen wird). Hatten die altbekannten Westerner bisher das Land befriedet und dem Gesetz Genüge getan, so werden bisherige Heroen der Frontier-Folklore wie Wyatt Earp, Doc Holliday u.a. nun als moralisch zweifelhaft, hinterhältig, eigennützig, sozialschädlich und sogar geistesschwach (Billy the Kid) dargestellt (z.B. Hour of the Gun, 1967, John Sturges; Doc, 1971, Frank Perry; Dirty Little Billy, 1972, Stan Dragoti). Militärische Führer entpuppen sich als untragbar psychotisch oder als geisteskranke Entscheidungsträger, die sinnlose Gemetzel zu verantworten haben. Kulturell eingebundene Grausamkeit und Härte der Indianer wird der perversen Mordlust der weißen Landbesetzer gegenübergestellt, Sinnlosigkeit von Gewalt durch Visualisierung von Gewaltorgien beschworen (Soldier Blue / dt.: Das Wiegenlied vom Totschlag, 1970, Ralph Nelson; Ulzana‘s Raid, 1972, Robert Aldrich; Little Big Man, 1970, Arthur Penn).


Allerdings lässt sich der Westernmythos auch durchaus mit den Mitteln von Komik, Parodie und gar Klamauk seines heiligen Ernstes entheben, wie Mel Brooks’ chaotischer Beitrag Blazing Saddles (1974) oder auch Penns Little Big Man (1970) zeigen. In Altmans durchaus experimentellem Buffalo Bill and the Indians, or, Sitting Bull‘s History Lessons (1976) sind der Wilde Westen und sein Personal endgültig zur vermarktungsfähigen Zirkusattraktion geworden.

Literatur: Kobak, Stuart J.: A western is a western is a western [online: http://www.filmsondisc.com/Features/western/western.htm]. - Marsden, Michael T. / Nachbar, Jack : The modern popular western: radio, television, film and print. In: A literary history of the American West, sponsored by the Western Literature Association. Fort Worth: Texas Christian University Press 1987, S. 1263-1282 [online: http://www2.tcu.edu/depts/prs/amwest/pdf/wl1263.pdf]. – Seeßlen, Georg: Western: Geschichte und Mythologie des Westernfilms. Überarb. Neuaufl. Marburg: Schüren 1995 (Grundlagen des populären Films.).
 

Referenzen:

American Monomyth

Indianerwestern

Italowestern

Spätwestern

Western


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: LK


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