Lexikon der Filmbegriffe

cinéma pur

Die Forderung nach einem cinéma pur war Mitte der 1920er Jahre ein avantgardistischer Schlachtruf. Im März 1923 hatte Paul Valéry von der Kunst eines „reinen Kinos, das sich auf seine eigenen Mittel beschränkt“, gesprochen. Es war aber Henri Chomette, der Bruder René Clairs, der den Begriff cinéma pur prägte: „Filmrhythmus ist eine Potenz, die jenseits von Tatsachenlogik und Realität Visionen erzeugt, wie sie nur im Verein von Linse und Filmband zustande kommen.“ Seiner Konzeption, reale Aufnahmen nach den Regeln des abstrakten Films zu behandeln, entsprechend drehte Henri Chomette Jeux des reflets et de la vitesse (1923-25) und Cinq minutes de cinéma pur (1925). Erstgenannter Film wurde z.T. in der Pariser Métro gedreht, wobei durch den Einsatz von Zeitraffer die Fahrt völlig abstrahiert wird.
Die Analogien und Anleihen an die Musik und die Dichtung, an die bildenden und die performativen Künste reichten von der symphonie visuelle und Germaine Dulacs cinégraphie intégrale über Elie Faures cinéplastique und die Gattung eines ciné-poème bis zur Verweigerung von Repräsentation in Henri Chomettes Cinq minutes de cinéma pur. Auch die Phasenbildrhythmik des Ballet mécanique (1924), an dem Fernand Léger, Dudley Murphy und Ezra Pound gearbeitet hatten, schien Vorstellungen des cinéma pur einzulösen. Weitere Beispiele findet man in René Clairs La Tour (1928), Lumière et ombre (1928) von Alfred Sandy und Germaine Dulacs Disque 927 (1928).
1930 formulierte Jean Vigo die in den 1920er Jahren nur in Ansätzen ausgeführte Kritik am technizistischen, verfahrensverliebten Konzept einer Integration aller reinen Künste, die doch nur „Nabelschau einer künstlichen Übersubtilität“ (Vigo) war. André Bazin insistierte sehr viel später auf der Reichhaltigkeit eines unreinen Kinos, eines cinéma impur, das sich zur einst verpönten Adaptation der Literatur und des Theaters nicht nur bekennt, sondern diese als Zugewinn einer sozialen Dimension des Kinos erfährt.

Literatur: Hein, Birgit / Herzogenrath, Wulf: Film als Film. 1910 bis heute. Katalog des Kölnischen Kunstvereins, 1977. – Jeune, dure et pure! Une histoire du cinéma d'avant-garde et expérimental en France. Paris: Cinémathèque française / Mailand: Edizioni Mazzotta 2001.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JCH JH


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