Lexikon der Filmbegriffe

shapeshifter

dt.: Formwandler

Zu den archetypischen Figuren der filmischen Handlung, wie Held, Mentor, Schwellenhüter, Schatten etc. – im Jungschen Sinne Externalisierungen verschiedener Anteile der menschlichen Psyche und als solche strukturelle Funktionen eines therapeutisch begriffenen Erzählens – gehört auch die schillernde Figur des shapeshifter oder Formwandlers.
Shapeshifter können sich in ein Tier oder eine Pflanze oder von einer menschlichen Figur in eine andere verwandeln, hierbei Alter, Ethnie oder Geschlecht wechselnd. Solche Formwandler sind natürlich im Märchen, in der Fantasy oder Fantastik bestens bekannt; doch ihr rätselhaftes, instabiles, flüchtiges, durch den Übergang gekennzeichnetes Wesen ist keineswegs auf rein äußerliche, biologische oder physikalische Transformationen beschränkt. Auch subtilere, innere Metamorphosen des „Charakters“, der „Persönlichkeit“, der Stimmung und Wertigkeit sind Teil des festen Repertoires des Formwandlers. Sowohl äusserliche wie innere Transformation auf eine Figur beziehend, markierte diesbezüglich Robert Louis Stevensons Horror-Novelle „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886) einen kulturellen Meilenstein und verankerte den Topos der „gespaltenen Persönlichkeit“ als zugespitzter Ausdruck moderner bürgerlicher Subjektivität nachhaltig im kollektiven Bewusstsein.
Doch der shapeshifter kann in praktisch jeder Gattung auftauchen. Die großen Meisterverbrecher der Filmgeschichte, Fantômas, Mabuse, Fu Manchu oder Keyser Soze (The Usual Suspects, Bryan Singer, USA 1995) operieren von allem Anfang an als Formwandler, deren Identität letztlich nur allegorisch fassbar ist; im Film Noir tritt der shapeshifter etwa als trügerische femme fatale in Erscheinung, in der romantischen Komödie als vorerst unberechenbares Objekt des amourösen Interesses; und im Psychothriller schließlich – man denke etwa an The Silence of the Lambs (Jonathan Demme, USA 1991) – mag er einem Psychopathen die Aura des Enigmatischen oder gar Unverständlichen verleihen. Formwandler können Haupt- oder Nebenfiguren sein, und shapeshifting mag sich vorübergehend oder dauerhaft an einer oder mehreren Figuren festmachen oder von einer Figur zu einer andern wechseln, so dass der shapeshifter als letztlich mediale Selbstreflexion auf den Prozess der Figurenkonstruktion begriffen werden kann.

Literatur: Vogler, Christopher: The Writer‘s Journey. Mythic Structure for Writers. 2nd ed. Studio City, CA: Michael Wiese Productions 1998. – Iaccino, James F.: Psychological Reflections on Cinematic Terror. Jungian Archetypes in Horror Films. Westport, Connecticut [...]: Praeger 1994. – Iaccino, James F.: Jungian Reflections within the Cinema. A Psychological Analysis of Sci-Fi and Fantasy Archetypes. Westport, Connecticut [...]: Praeger 1998.
 

Referenzen:

Gestaltwandler I: Lykantrophie

Gestaltwandler II: Narratologie


Artikel zuletzt geändert am 21.01.2012


Verfasser: HMT


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