Lexikon der Filmbegriffe

Stoff

auch: stofflicher Bezug, aboutness

Für die Filmanalyse ist der stoffliche Bezug des Films deshalb von Bedeutung, weil jede filmische Form auch und zuallererst die Gestaltung eines Gegenstandes ist, den man sich losgelöst von der besonderen Struktur eines Films (oder anderen Kunstwerkes) denken kann. „Stoff“ meint nichts, was Teil nur eines Werkes ist, auch wenn er für dieses ‚verarbeitet‘ wird. Der Stoff kann auch von jedem anderen genutzt werden und ist insofern vielen Werken gemeinsam bzw. auch außerhalb aller Werke.
„Stoff“ ist keinesfalls als Materie vor und außerhalb der menschlichen Interpretation aufzufassen, sondern ist Teil des erworbenen Wissenszusammenhangs einer Kultur. Der Film greift stofflich auf immer-schon Interpretiertes zurück, auf kulturelle Gegenstände und Überzeugungssysteme. „Stoffe“ sind kognitive Größen, modellhafte Gebilde, die dem menschlichen Denken zugehören, nicht der äußeren, materiellen Welt. Ein Film, der eine Geschichte erzählt, verweist z.B. auf diese Geschichte in vielerlei Hinsicht – auf die narrative Struktur im engeren Sinne (die Folge kausal miteinander zusammenhängender Handlungen) und auf die besonderen normativen Bedingungen der erzählten Welt, auf das Substrat der sozialen Rollen und auf die funktionalen narrativen Rollen (Prot- und Antagonist, Helfer und Verführer usw.), auch auf die eigentlich akzidentellen Aspekte, die immer mitrepräsentiert werden. Die Eigenständigkeit des Stoffes gegenüber dem Text ist in den sehr unterschiedlichen „Textverarbeitungen“ greifbar, in denen Texte in andere Texte weitergeführt („übersetzt“) werden: Man kann einen Film nacherzählen und zusammenfassen, ihn neu drehen oder in ein Theaterstück transformieren, ihm neue Titel und Genrebeschreibungen zuordnen, man kann ihn kritisieren und man kann sich auf ganz periphere Elemente konzentrieren wie die Augenfarbe der geschundenen Heldin, die in einem Gedicht besungen wird.
Aufgabe der filmwissenschaftlichen Beschreibung ist es zu bestimmen, in welcher Art und Weise von diesen Gegenständen die Rede ist. Die Art und Weise, in der ein Stoff in der filmischen Rede gegeben ist, ist zugleich der Ort formaler filmischer Gestaltung.

Literatur: Wulff, Hans J.: Mitteilen und Darstellen: Elemente einer Pragmasemiotik des Films. Tübingen: Narr 1999, Kap. 1.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: HJW


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