Lexikon der Filmbegriffe

Geschichte und Film

Mit dem amerikanischen Historiker O’Connor lässt sich das Medium aus vier verschiedenen Geschichtsperspektiven erschliessen:

(1) Film als historische Quelle: Da ein Film implizit immer auch ein Dokument seiner selbst ist, lässt sich prinzipiell jede Produktion – gleich ob fiktional oder nichtfiktional – als Quellenmaterial für eine „dokumentarisierende“ Lektüre (Roger Odin) heranziehen. Jeder Film verrät etwas über die Zeit, in der er realisiert wurde, über die Personen, die an seiner Herstellung beteiligt waren sowie über seine Entstehungsbedingungen ganz allgemein. In Frankreich hat sich schon früh Marc Ferro darauf spezialisiert, in Filmen versteckte und implizite Zeit- und Wertvorstellungen zu entdecken, in den USA zählt Robert A. Rosenstone zu den namhaftesten Historikern, die sich engagiert mit dem Medium beschäftigen.
(2) Film als Darstellung von Geschichte: Als Metagenre fungiert hier der historische Film (abwertend auch als Historienfilm bekannt), der in sich mehrere Genres vereinigt: den historischen Film im engeren Sinne, der eine geschichtliche Epoche oder ein vergangenes Ereignis mit historisch belegten Figuren rekonstruiert; die Biographie (Biopic), die das Leben einer historisch realen Figur anhand signifikanter Ausschnitte und Werke schildert; sowie den Kostümfilm, der vor historischem Hintergrund fiktive Figuren und Handlungen in Szene setzt (Jean Gili); Mischformen sind hier natürlich gang und gäbe.
(3) Der Film als historischer Augenzeuge: Hier ist an die nichtfiktionale Funktion des Mediums zu denken. Eines der berühmtesten Beispiele ist etwa der Zapruder-Film, der das Attentat auf Präsident Kennedy dokumentierte und als solcher auch vor Gericht zugelassen wurde.
(4) Schließlich die Filmgeschichtsschreibung: vor allem seit den 1970er Jahren hat sich eine höchsten historiographischen Anforderungen genügende, akademische Geschichtsschreibung des Kinos entwickelt, u.a. als filmische Institutionen-, Industrie- und Wirtschaftsgeschichte; eine zentrale Rolle nimmt hier die seit der Brighton-Konferenz von 1978 intensivierte historiographische Aufarbeitung und Erforschung des frühen Stummfilms ein, ermöglicht durch die internationale Kooperation und Zugänglichkeit von Instituten und Archiven, mit den entsprechenden Festivals (z.B. das Stummfilmfestival in Pordenone).

Literatur: O’Connor, John E. (ed.): Image as Artifact. The Historical Analysis of Film and Television. Malabar, Florida: Krieger 1990. – Hess, Klaus-Peter: Film und Geschichte. In: Film Theory: Bibliographic Information and Newsletter, 13, 1986, S. 13-44. [Literaturbericht und Bibliographie.] – Ferro, Marc: Cinéma et histoire. Paris: Denoel/Gonthier 1977. – White, Hayden: Historiography and Historiophoty. In: American Historical Review 93,5, 1988, S. 1193–1199. – Rosenstone, Robert A.: Visions of the Past. The Challenge of Film to Our Idea of History. Cambridge, Massachusetts [...]: Harvard University Press 1995. – Rosenstone, Robert A.: History on Film/Film on History. Harlow [...]: Longman/Pearson 2006. – Landy, Marcia: Cinematic Uses of the Past. Minneapolis [...]: University of Minnesota Press 1996. - Rother, Rainer (Hg.): Bilder schreiben Geschichte. Der Historiker im Kino. Berlin: Wagenbach 1991.

Referenzen:

Geschichte im Film


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HMT


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