Lexikon der Filmbegriffe

Mentalitätengeschichte

Varianten und Ableger: histoire des représentations, histoire des sensibilités, Historische Anthropologie, Neue Kulturgeschichte

Mentalitätengeschichte als eine historiographischen Methode, die nach tiefenideologischen Überzeugungen fragt, nach kollektiven Einstellungen und allgemein verbreiteten Weltbildern, führt diese auf alltagsweltlich verankerte Orientierungsmustern zurück, die das Handeln der Menschen bestimmen und ihre Haltung in konkreten Situationen bestimmen. Derartige Muster sind in aller Regel unbewusst und wandeln sich nur langsam. In diesem pragmatischen Ansatz unterscheidet sich Mentalitätengeschichte von Ideengeschichte. Während jene sich mit Bedeutungen befaßt, die sich in Texten nachweisen lassen, in Texten verbreitet wurden, sucht diese nach Prägungen, die sich häufig nur aus dem Handeln der Menschen selbst erschließen lassen.
Ausgangspunkt ist Durkheims Soziologie und das darin formulierte Modell einer conscience collective, eines „Kollektivbewußtseins“. Seit 1929 konzentrierte sich die Geschichtsschreibung, die aus dieser Grundidee entstand, um die Zeitschrift Annales d’histoire économique et sociale. Bevorzugte Themenfelder der französischen Mentalitätsgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren elementare Lebensfelder wie Religiosität, Tod, Geburt, Sexualität, Familie oder auch Kindheit. Ethnologische Konzepte und die Soziologie Bourdieus verbreiterten seit den 1970ern das Arbeitsfeld. Heute ist allgemein akzeptiert, dass Weltbilder und mentale Orientierungsmuster, wie immer sie sich manifestieren, für die Reproduktion sozialer Strukturen grundlegend sind. Der Habitusbegriff Pierre Bourdieus oder das Konzept des Alltagswissens von Peter L. Berger und Thomas Luckmann verbinden das Soziale mit dem Individuellen, das Handeln mit dem Denken, das Institutionelle mit dem Exzentrischen und Besonderen. Gerade für eine Filmgeschichte, die im Geiste der Kracauerschen Überlegungen nach kollektiven Sehnsüchten und Erwartungen und ihrer Spiegelung und Reflexion im Film sowie nach der ideologischen Ausdrucksfunktion des Films fragt, die etwa nach dem Hintergrund kollektiven Bewußtseins für eine Geschichte des Films der 1950er Jahre in der BRD forscht, ist das Modell der Mentalitätengeschichte produktiv.

Literatur: Raulff, Ulrich (Hrsg.): Mentalitäten-Geschichte. Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse. Berlin: Wagenbach 1987. Mehrere Neuausg.


Artikel zuletzt geändert am 30.07.2011


Verfasser: AS


Zurück