Lexikon der Filmbegriffe

Abimisierung

oft auch frz.: mise en abyme; engl.: mirror text; das Bild der „Abyme“ entstammt der Wappenkunde und bezeichnet ein Wappenfeld in einem Wappen; gelegentlich wird auch das mittelfranzösische abîme = Abgrund zur Erklärung herangezogen; dies scheint aber irreführend zu sein

Unter Abimisierung wird ein Verdoppe­lungs- oder Spiegeleffekt verstanden, der z.B. dann auftritt, wenn eine Ge­schichte die Geschichte von jemandem erzählt, der eine Geschichte erzählt. Abimisierung kann über mehrere Stufen hinweg wiederholt werden (einer erzählt eine Ge­schichte, in der einer eine Geschichte erzählt, in der einer einen Traum hatte...); das wohl extremste literarische Bei­spiel ist Jan Potockis Romanfragment Die Handschrift von Saragossa (1847). Als texttheoretisches Konzept wurde die Abimisierung zuerst von André Gide in seinem „Journal“ (1893) benannt. Abimisierung ist nicht medienspezifisch zu fassen, vielmehr eine Textstrategie, ein medienunabhängiges Wiederholungs-, Variations- und Reflexionsverfahren, das sich als „globale Abimisierung“ auf die Geschichte, als „partielle Abimisierung“ aber auch auf Teilgeschichten, Elemente der Geschichte, Elemente der Erzählsituation und auch auf filmische Mittel (von der Bildkomposition bis zur Sequenz) anwenden lässt. Da die Abimisierung wahrnehmungsauffällig sein soll, setzt sie immer einen reflexiven Impuls frei, öffnet einen Blick auf die Konstruiertheit der Geschichte und produziert so eine Distanzierung zwischen Rezipient und Werk. Abimisierung ist eine Strategie des Spiels im Spiel, der Geschichte in der Geschichte, der Binnenerzählung, in der sich die Rahmenerzählung spiegelt und wiederholt, vielleicht auch wiederholend variiert, sich auf diese Art selbst thematisierend, als stünde jener Text einem strukturellen Spiegel gegenüber. Ein berühmtes Beispiel ist Karel Reisz‘ The French Lieutenant‘s Woman (Großbritannien 1979), in dem in der Liebesgeschichte des Films, der gedreht wird, eine höchst signifikante Variation der Liebesgeschichte erzählt wird, die zwischen den beiden Schauspielern, die die beiden Akteure des Spiels sind, entwickelt.

Literatur: Bal, Mieke: Narratology. Introduction to the Theory of Narrative. Toronto/London: University of California Press 1985. Repr. 1984. Zuerst holl. – Dällenbach, Lucien: Le récit spéculaire. Essai sur la mise en abyme. Paris: Seuil 1977. Engl.: The Mirror in the Text. Cambridge: Polity Press 1989. – Févry, Michel: La mise en abyme filmique. Liège: CÉFAL 2000.

Referenzen:

mirroring

Parallelhandlung


Artikel zuletzt geändert am 03.01.2012


Verfasser: HJW


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