Lexikon der Filmbegriffe

Mockumentary

auch: fake documentary, mock-documentary, Pseudo-Dokumentarfilm; von engl.: to mock = verhöhnen, vortäuschen, nachahmen

Mockumentaries sind Filme, die den Dokumentarfilm als Gattung in seinen formalen Strategien nachäffen und sich dabei sowohl über dessen Anspruch auf objektive Wahrhaftigkeit und kulturelles Prestige als auch über das behandelte Thema und/oder über ein allzu leichtgläubiges Publikum lustig machen. Als Fiktionen im Modus der Nichtfiktion bedienen sie sich in unterschiedlichen Abstufungen klassischer dokumentarischer Stilmittel, wie etwa des sachlichen Arguments mit Voiceover-Kommentar und der objektiven Beobachtung mit verwackelter Handkamera oder der direkten Adressierung des Zuschauers durch Personen in Interviewsituationen. In der Regel geben sich Mockumentaries meist als solche zu erkennen – gelegentlich allerdings erst im Nachspann –, mit bewussten, oft auf die Spitze getriebenen Unwahrscheinlichkeiten in Thema, Motiv oder Situation. Nur selten bleibt über das Film-Ende hinaus Ungewissheit bezüglich des Wirklichkeitsstatus‘ des Gezeigten bestehen, dann aber umso wirkungsvoller. Ironisch bis parodistisch im Tonfall und der Komödie nahestehend persiflieren die interessantesten Beispiele die Kodifizierung des Dokumentarischen und fordern zur kritischen Reflexion über die Konstruiertheit medialer Wirklichkeitsdiskurse auf. Nicht zuletzt Ausdruck postmoderner Skepsis und Zynismus, häufen sich in den letzten Jahren die entsprechenden Beispiele.


Zu den erwähnenswerten Werken gehören u.a. die den Fox-Wochenschauen nachgestellte „News on the March“-Sequenz in Citizen Kane (Orson Welles, USA 1941); Jim McBrides Pseudo-Autobiografie David Holzman‘s Diary (USA 1967); Welles‘ Spiel um Zaubertricks, Fälschungen und Fälscher, F for Fake (aka: Vérités et mensonges, Frankreich/Iran/BRD 1974); Woody Allens „Dokumödie“ Zelig (USA 1982); sowie Rob Reiners „rockumentary“ über eine (fiktive) britische Altrocker-Gruppe auf US-Tournee, This Is Spinal Tap (USA 1984). Neben der primär komödiantischen Variante gibt es auch einen Zweig von Horror-Mockumentaries, wie etwa die Serienmörder-Persiflage C’est arrivé près de chez vous (Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde, Belgien 1992) oder die durch eine Internet-Hype-Kampagne vermarktete Independent-Produktion The Blair Witch Project (Daniel Myrick, Eduardo Sanchez, USA 1999). Einen der anspruchvollsten Pseudo-Dokumentarfilme legte schließlich der französische Filmemacher William Karel vor, mit seiner preisgekrönten, Verschwörungstheorien über die „inszenierte“ Mondlandung aufgreifenden ARTE-Dokumentation Opération lune (Frankreich 2002).

Literatur: Jauregui, Carolina Gabriela: Eat it alive and swallow it whole! Resavoring Cannibal Holocaust as a Mockumentary. In: Invisible Culture 7, 2004, URL: http://www.rochester.edu/in_visible_culture/Issue_7/Jauregui/jauregui.html. – Roscoe, Jane / Hight. Craig: Faking It. Mock-Documentary and the Subversion of Factuality. Manchester [etc.]: Manchester University Press 2001. – Juhasz, Alexandra / Lerner, Jesse (ed.): F Is for Phony. Fake Documentary and Truth’s Undoing. Minneapolis: University of Minnesota Press 2006.

Referenzen:

Fake-Trailer

Prankumentary

Pseudo-Dokumentarfilm


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HMT


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