Lexikon der Filmbegriffe

Selbstreferenz

Nicht erst in der Folge des Poststrukturalismus, der Selbstreferenz des Zeichens durch dessen Flottieren im Signifikanten-Netz als Zentrum einer postmodernen Bedeutungstheorie ansieht, sprechen Kunstwerke mit ästhetischen Mitteln von sich selbst, ihrem Schaffensprozess oder ihrer Theoretizität. Filmische Selbstreferenzialität weist ein breites Band ästhetischer Möglichkeiten auf, das von der Abbildung des filmischen Produktions- oder Wiedergabeapparates im Filmbild über die Inszenierung filmkünstlerischer Schaffensprozesse bis hin zu Formen des Selbstzitates und der Mise-en-Abyme reicht. Von größter Bedeutung sind diese Strategien für die Position, die der Zuschauer einnimmt – Selbstreferenz im Film ist immer mit einer gegenläufigen Strategie von Lösung und Intensivierung des versinkenden Miterlebens von Film verbunden. Zum einen wird der Zuschauer durch Darstellungen filmischer Prozesse im Bild oder Diskurs des Films auf die Apparathaftigkeit des Mediums und seiner Konfrontation mit diesem hingewiesen; zum anderen verbirgt Selbstreflexivität mit ihrem Hinweis auf den „FilmimFilm“ (Franz Loquai) die ontologische Beschaffenheit des Films, in welchem ein anderer Film referenziert wird („mediale Demedialisierung“, Jan Berg). Eine historische Marke für den Beginn der Selbstreferezierung des Films lässt sich dem zufolge nicht setzen, da Film in all seinen ästhetischen Beschaffenheiten (Kadrage, Montage, Einstellungsgrößen, Kamerabewegungen etc.) und durch die immer schon gegebene Präsenz des Apparates bei der Darstellung seiner Inhalte mit anwesend ist.
Von dieser medien-ontologisch verstandenen Selbstreferenz ist jene Selbstreferenz im engeren Sinne zu unterscheiden, die sich als Sujet in Filmerzählungen findet. Hier werden vor allem Backstage-Dramen (z.B. George Cukors A Star is Born, USA 1954) oder die Versuche der Selbstaspektivierung im Autorenfilm der „neuen Wellen“ (Fellinis 8 ½, Italien 1963, Truffauts La Nuit américaine, Frankreich 1973, Godards Le Mépris, Frankreich 1963, Fassbinders Warnung vor einer heiligen Nutte, BRD 1971) bedeutsam als Selbstannäherungen und Intellektualisierungen des Filmhandwerks und -künstlertums.

Literatur: Scheffel, Michael: Formen selbstreflexiven Erzählens. Eine Typologie und sechs exemplarische Analysen. Tübingen: Niemeyer 1997. – Karpf, Ernst [...] (Hg.): Im Spiegelkabinett der Illusionen. Filme über sich selbst. Marburg: Schüren 1996 (Arnoldshainer Filmgespräche. 13.). – Berg, Jan: Techniken der medialen Authentifizierung. In: Ursula von Keitz / Kay Hoffmann (Hgg.): Die Einübung des dokumentarischen Blicks. Marburg: Schüren 2001, S. 51-70. - Franz Loquai: Buch im Buch und Film im Film. Überlegungen zur Selbstreflexivität in Literatur und Film. In: Klaus Manger (Hg.): Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation. Heidelberg: Winter 1999, S. 181-206.

Referenzen:

Abimisierung

Backstage-Musical

Filmgeschichte im Film

reflexives Kino

Selbstreflexion


Artikel zuletzt geändert am 21.01.2012


Verfasser: SH


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