Lexikon der Filmbegriffe

metadiegetische Musik

manchmal auch: hypodiegetisch

Der Terminus „metadiegetisch“ ist schon bei Genette ambivalent gebraucht und bezeichnet zwei verschiedene textsemantische Bezüge: (1) unplausiblerweise eine Binnenerzählung, deren Erzähler der intradiegetischen Realität einer Erzählung angehört; da eine Metasprache aber eine Sprache ist, die andere Sprachen thematisiert, hat sich die Genettesche Redeweise, eingebettete Texte als „metadiegetisch“ zu charakterisieren, nicht durchsetzen können. (2) Auch Aussagen, die diegetische Elemente im Rahmen der Narration selbst lokalisieren, werden „metadiegetisch“ genannt; metadiegetische Elemente in diesem Sinne können auch der technischen Hervorbringung der Erzählung entstammen (man denke an sichtbare Mikrofone im Bild).
Anwendungen des Metadiegese-Konzepts auf Filmmusik sind äußerst selten und zudem in jeder Hinsicht problematisch. Wollte man an der Definition (1) festhalten, würde man z.B. „Tourbillon de la vie“, ein Lied, das die Protagonistin – begleitet vom Komponisten – ihren beiden Männern vorsingt, als metadiegetischen Teiltext ansehen können – das Lied ist abgeschlossen, bildet ein eigenes Strukturganzes, es resümiert-symbolisiert zudem noch den Rahmentext und die Beziehung der Sängerin zu den beiden Zuhörern (das Beispiel entstammt Truffauts Jules et Jim, 1961). Allerdings ist es hier der Text des Liedes, nicht die Musik, die den Status als „Metadiegese“ beanspruchen könnte. Ein anderer Fall: Wenn eine Figur einer anderen eine Geschichte erzählt, kann musikalisch die Binnenrealität der Erzählung angezeigt oder realisiert werden – auch dieser Form käme die Qualität „metadiegetisch“ zu.
In Hinsicht auf die zweite Definition bedingt der metadiegetische Status eines Elements eine reflexive Beziehung zum Grundtext. Musik – die ja keine Metasprachfähigkeit hat – kann diesen Status als Reflexivität schaffendes Instrument nur durch ironische Brechung erreichen. Wenn also drei Bauern eine Dorfschenke betreten und wenn dazu barocke Fürstenmusik erklingt, die den Eintritt der Herrschaften in ein Schloss untermalen könnte, inszeniert die Musik eine Unangemessenheit (resp. Unangepasstheit der Gebrauchsbedingungen derartiger Musik), die auf das Erzählen selbst abhebt – weil nämlich Figuren und Musiken in der heute geltenden Filmpoetik Milieu-kompatibel sein müssen.

Literatur: Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Fink 1994. Zuerst frz. als: Discours du récit (1972) und: Nouveau discours du récit (1983).


Artikel zuletzt geändert am 13.06.2013


Verfasser: HJW


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