Lexikon der Filmbegriffe

Beiseitesprechen

engl.: to make an aside; gelegentlich: ad spectatores; auch: Aparté-Sprechen

Seit der Antike kennt das Theater die Praxis des Beiseitesprechens: Einer der Schauspieler spricht seine (gedachten) Gedanken zum Publikum gewendet aus, wobei die Mitspieler so tun, als hörten sie es nicht. Beiseitesprechen ist eines der Verfahren, mit denen die „vierte Wand“ – die ontologische Grenze zwischen Bühne/Leinwand und Zuschauerraum – übersprungen werden kann. Auch hier bleibt die Trennung aber natürlich erhalten, ist das Beiseitesprechen doch Teil des Spiels und gehört zur Dramaturgie. Es sucht manchmal einen Schulterschluss zwischen Zuschauer und Figur resp. der dramatischen Position der Figur herzustellen. Dann reklamiert die Figur z.B. das moralische Einverständnis des Adressaten, sie nimmt ein, um gegen andere Positionen des Dramas abzuschirmen oder zu immunisieren. Beiseitesprechen kann aber auch Teil einer Spannungsstrategie sein. Wenn also der Bösewicht hämisch grinsend dem Publikum seine Absichten und Pläne erläutert, nimmt das gleiche Mittel gegen ihn ein und bindet das Publikum in Spannungserwartung. Beiseitesprechen kann schließlich auch die Einheit der Illusion aufheben. Wenn also einer der Akteure beiseitesprechend aus seiner Rolle heraustritt und die Rolle z.B. historisch kommentiert, leistet das gleiche Mittel wiederum einen anderen Zweck. Man hat es also mit verschiedenen Formen des Beiseitesprechens zu tun (im Rahmen moralischer Positionierung, der Informationsstrategien des Textes, der Artikulation einer Metaposition).

Literatur: Riehle, Wolfgang: Das Beiseitesprechen bei Shakespeare. Ein Beitrag zur Dramaturgie des elisabethanischen Dramas. Diss. München 1964.

Referenzen:

innerer Monolog

vierte Wand


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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