Lexikon der Filmbegriffe

Kleidung im Film

Soziale Realität ist nicht homogen. Sie ist hierarchisch gegliedert. Sie zerfällt in Klassen, Kasten oder Schichten. Kleidung signalisiert Zugehörigkeiten – zu einem Alters-, Klassen- oder (sub)kulturellen Stil. Sie drückt Differenzierungen aus – zwischen Jungen und Alten, Männern und Frauen, Reichen und Armen. Arbeiter tragen eben anderes als Fabrikanten. Auch die Differenz zwischen Stadt und Land wird durch Kleidungsstile ausgedrückt. In der Phase des klassischen Hollywoods zeigten Anzug und Schlips an, dass einer zur Stadt gehörte und nicht zur Sphäre der Farmer. Urbanität hat ihre Stile und Elemente, Ruralität hat andere. Der Wechsel der Zeit wird durch den Wechsel der Moden, der Konventionen, der Stoffe angezeigt. Jiri Menzels wunderbarer Film Postriziny (1980) zeigt in nuce: Röcke und Haare werden kürzer und darin zeigt sich die neue Zeit.
Uniformen aller Art zeigen an, dass sich die Uniformträger zu unterwerfen haben. Der Held in Mike Nichols‘ Film Catch 22 (1970) zerreißt und zerstört am Ende seine Uniform – seinem Ausstieg aus dem Militär drastischen Ausdruck verleihend.
Verkleiden, um als ein anderer zu scheinen und ein anderer zu werden. Der von Köpenick wird zum Hauptmann von daselbst. Ein anderer werden, weil man wie ein anderer aussieht. Der Regisseur in Preston Sturges‘ Sullivan‘s Travels (1941) hat beim zweiten Versuch, undercover die Welt der Obdachlosen zu erkunden, keine Chance, nicht als Tramp, als Hobo genommen zu werden. Er sieht so aus, er ist da, wo die Hobos sind, er riecht wie einer: Also ist er einer. Warum sollte man jemanden für einen anderen halten als den, der er zu sein scheint? In Nichols‘ Working Girl (1988) nimmt eine Sekretärin heimlich für eine Zeit die Rolle ihrer Chefin an, und sie benutzt auch deren Garderobe und deren Parfüm. Auch sie wird entdeckt, doch Ernüchterung mag sich nicht einstellen, weil sie sich durchsetzen kann, den Aufstieg ins Chefbüro tatsächlich schafft.
In den 1980ern ist Bewegung in das so lange funktionsmächtige Ausdruckssystem der Kleidung, mittels dessen Grenzen und Zugehörigkeiten angezeigt werden konnten, gekommen. Desperately Seeking Susan (1985) – der Titel von Susan Seidelmans Film ist fast ein Programm. Die Geschichte erzählt von zwei jungen Frauen, die die Kleidungen tauschen und zu anderen werden. Die Normale, die Bürgerliche probiert nicht nur die subkulturelle Kleidung der anderen aus, sondern auch den Lebensstil, die Selbstwahrnehmung, das Selbstwertgefühl. Und vice versa. Das, was einer ist, steht nicht mehr fest, sondern wird gewählt. Identität ist nicht mehr determiniert, wird nicht mehr dadurch bestimmt, wo einer herkommt und zu wem er zählt, sondern ist eine veränderliche Tatsache geworden.

Literatur: Berry, Sarah: Screen Style. Fashion and Femininity in 1930s Hollywood. Minneapolis: University of Minnesota Press 2000. – Bruzzi, Stella (1997) Undressing Cinema. Clothing and Identity in the Movies. London/New York: Routledge 1997. – Ellwanger, Karen / Warth, Eva-Maria: Die Frau meiner Träume. Weiblichkeit und Maskerade: Eine Untersuchung zu Form und Funktion von Kleidung als Zeichensystem im Film. In: Frauen und Film, 38, 1985, S. 58-72.


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: HJW


Zurück