Lexikon der Filmbegriffe

Nachrichtenwerttheorie

engl.: news value

Bevor eine Nachricht tatsächlich in den Medien auftaucht, wird sie einer ganzen Reihe von Entscheidungen ausgesetzt, ob das berichtete Ereignis nachrichtenwürdig sei oder nicht und warum das so ist. Walter Lippmann thematisierte das Problem 1922 zum ersten Mal; für ihn gibt es keine Regeln, wohl aber Konventionen, die den Nachrichtenwert begründen. Bei der Beurteilung spielen Qualitäten des Ereignisses ebenso eine Rolle wie Hypothesen darüber, wie es aufgenommen wird. Nachrichtenwerte sind demnach: Eindeutigkeit des Geschehens, Überraschung, Konflikt, persönliche Betroffenheit und räumliche Nähe“. In eine ähnliche Richtung ging die Gatekeeper-Forschung, wenn auch hier das personale System der Berichterstatter als eine Art von Filter angesehen wird, das Nachrichten aus einer unübersehbaren Fülle möglicher Nachrichten aussondert. Von äußeren Vorgaben wie Zensurauflagen abgesehen werden manchmal Simplifikation, Identifikation und Sensationalismus als elementarste Kriterien angesehen – Einfaches wird Komplexem vorgezogen, lokale Bezüge, Grade von Betroffenheit sind wichtiger als strukturwichtige Ereignisse, Skandale und Katastrophen genießen fundamentalen Vorrang vor allem anderen. Galtung und Ruge machten insgesamt zwölf Nachrichtenfaktoren aus: Frequenz, d.h. die Zeitspanne, die das Thema benötigt, um sich zu entwickeln und entsprechende Bedeutung zu erlangen; Schwellenfaktor – ein Thema muss eine Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten; Eindeutigkeit; Bedeutsamkeit – die Bedeutung für den Leser und seine Nähe zum Thema; Konsonanz – Themen, die im eigenen Erwartungshorizont liegen; Überraschung; Kontinuität: hat ein Thema die Nachrichtenschwelle überschritten, wird darüber berichtet, auch wenn es im Vergleich zu anderen Themen eine eher geringe Bedeutung besitzt; Variation – die Mischung im jeweiligen Nachrichtenmedium muss stimmen, was auch Themen erforderlich macht, die für sich genommen keinen oder nur geringen Nachrichtenwert hätten; Bezug auf Elite-Personen und Nationen; Personalisierung; Negativismus. Heute sind über 20 einzelne Nachrichtenwert-Kategorien identifiziert worden.
Im Rahmen der Nachrichtenwert-Untersuchungen wurde meist schnell klar, dass Medienberichterstattung Realität verzerrt und dass der Anspruch, ein Bericht habe „wahr“ oder „wahrhaftig“ zu sein, nicht aufrechtzuerhalten sei, sondern dass Medien dazu beitragen, Bilder der Realität hervorzubringen und zu stabilisieren, die mit der Realität selbst nur partielle Berührungspunkte haben.

Literatur: Kepplinger, Hans Mathias: Theorien der Nachrichtenauswahl als Theorien der Realität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte [Beilage zu "Das Parlament"] B 15/89, 7.4.1989, S. 3-16. – Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Freiburg/München: Alber 1990.

Referenzen:

gatekeeper


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HHM


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