Lexikon der Filmbegriffe

re-education films

manchmal auch: re-orientation films; dt. etwa: Umerziehungsfilme

Nach der militärischen Niederlage wurde Deutschland 1945 von den Besatzungstruppen und -behörden der Alliierten kontrolliert. Schon früh (nach einer Konferenz in Québéc, 1944) galt es als beschlossen, das Nachkriegsdeutschland zu entnazifizieren und zu demokratisieren; außerdem standen auf dem Programm: Zerschlagung der Industrie, Kollektivschuld, keine Verbrüderung. Die Wirkungsabsicht der Kampagne schwankte lange zwischen Aufklärung und öffentlicher Beschämung. Dazu wurde auch der Film als pädagogisches und propagandistisches Medium eingesetzt: Zunächst begann das Office of War Information (OWI) nach dem OWI Operational Plan for Germany (Februar 1945) Filme zu zeigen, die von der Befreiung der Konzentrationslager handelten und Deutschland (und die ganze Welt) über die Verbrechen aufklärten. Diese Filme (atrocity films, dt. etwa: Greuel-Filme) wurden Ende 1946 zurückgezogen. 1946 wurde zudem eine neue Einheit des Alliierten Kontrollrates gebildet, die sich mit educational reconstruction befassen sollte; sie wurde Reorientation Branch genannt (dt. etwa: Abteilung für Neuorientierung). Aus „Umerziehung“ wurde „Wiederaufbau“.
Die britisch-amerikanische Wochenschau Welt im Film berichtete von 1945-52 über Politik, Kultur und Alltag in der BRD. Gleichzeitig entstanden im Auftrag der amerikanischen Militärregierung in den westlichen Besatzungszonen etwa 100 Propaganda-, Lehr- und Dokumentarfilme. Diese Filme und die Welt im Film waren Teil einer Kampagne zur Umerziehung der Deutschen weg von den nationalsozialistischen Ideen. Demokratie sollte nicht verordnet, sondern verstanden werden. Es ging nicht mehr um blinden Gehorsam, sondern um Einsicht, Eigeninitiative und Selbstverantwortung. Der Tonfall der Filme schwankte zwischen scharfer Anklage und Nachsicht. Die Auswertung der Filme begann im Kino; sie wurden aber noch lange danach als 16mm-Kopien in der kulturellen und politischen Bildungsarbeit eingesetzt.
Zu den Filmen, die im Rahmen dieses „Rückerziehungs-Programms“ (re-education) entstanden Filme wie: Les camps de la mort (aus der Reihe: Actualités françaises), 1945, 19min; Death Mills (dt.: Die Todesmühlen, Hanuš Burger), amer. Zone 1945, 21min.

Literatur: Roß, Heiner (Hrsg.): Lernen Sie diskutieren! Re-education durch Film – Strategien der westlichen Alliierten nach 1945. Berlin: CineGraph Babelsberg 2005. – Goergen, Jeanpaul: „Atrocity films“. Aufklärung durch Schrecken. In: Filmblatt 10,28, 2005, S. 61-63. – Lange-Quassowski, Jutta-Barbara: Neuordnung oder Restauration? Das Demokratiekonzept der amerikanischen Besatzungsmacht und die politische Sozialisation der Westdeutschen. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1979.

Film: Wie werde ich Demokrat?, Deutschland 2002, Dieter Reifarth (ZDF/ARTE, 8.5.05, 89min).
 

Referenzen:

atrocity films


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HHM


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