Lexikon der Filmbegriffe

Schwarze Welle

Nach dem zweiten Weltkrieg war das jugoslawische Kino bekannt geworden auf Grund seiner dokumentarischen Arbeiten. Im Spielfilm hatte man sich thematisch ganz auf die nationale Schlüsselerfahrung des Partisanenkrieges gegen die deutsche Besatzung konzentriert. Erst in den 1960ern kam es vor allem in Serbien zu einer grundlegenden Neuorientierung. Sie ging einher mit einer politischen und ökonomischen Liberalisierung des Landes. Unter dem Einfluss von Neorealismus und französischer Nouvelle Vague ging eine Reihe junger Filmemacher gegen die Doktrin des sozialistischen Realismus an, die bis dahin verordnet gewesen war, den sozialistischen Helden zu feiern. Die Filme nahmen sich aktueller Stoffe an, zeigten die jugoslawische Realität aber in einer kritischen, manchmal komisch-satirischen, oft ironischen Sichtweise; ihre Themen waren Korruption und Bürokratismus, Engstirnigkeit und soziale Kontrolle, sie nahmen deutlich Stellung gegen die herrschende Klasse. Ästhetisch ebenso am Realismus der europäischen Neuen Wellen geschult wie aber auch an der Brechtianischen Poetik, oft mit rabiaten Kontrasten arbeitend, Provokation suchend, entstand ein ganz eigenständiger Zugang zum neuen Kino der nachklassischen Phase. Regisseure wie Alexander Petrović, Zijovin Pavlović und Dusan Makavejev standen für eine Gruppe von mehr als 30 Filmen, von denen die meisten in Jugoslawien während der restriktiven kulturpolitischen Maßnahmen, die Tito anfangs der 1970er veranlasste, verboten wurden. Makavejev muss nach seinem W.R. – Misterije organizma (dt.: W.R. – Mysterien des Organismus, 1971) im Ausland weiterarbeiten; andere hatten z.T. jahrelanges Berufsverbot. Im Rahmen des Versuchs, die Filme der „schwarzen Welle“ zu unterdrücken, entstand auch ihr Name – als Diffamierung und Herabsetzung. Dabei hatten Filme wie Petrović‘ Tri (IT: Three, 1965) – der Film war sogar für den Auslands-Oscar nominiert –, Makavejevs Ljubavni Slucai ili Tragedija Sluzbenice (dt.: Ein Liebesfall oder Die Tragödie einer Postangestellten, 1967), Pavlović‘ Budjenje pacova (IT: The Rats Awake, 1967) – der Film gewann den Goldenen Bären in Berlin 1967 –, Petrović‘ Bice skoro propast sveta (IT: The End of the World Is Coming, 1968) international größte Neugierde auf sich gezogen.

Referenzen:

Novi film


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HJW


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