Lexikon der Filmbegriffe

Nachrichtenagenturen

Als Nachrichtenagenturen werden den Massenmedien vorgelagerte Organisationen bezeichnet, deren Nachrichtenveröffentlichung sie vorbereiten und prägen, indem sie nach bestimmten Kriterien Nachrichten aller Art (Text, Bild, Film, Ton) sammeln, kaufen, auslesen, ergänzen, verändern, kommentieren, übersetzen. Sie operieren als privatwirtschaftliche oder staatliche Unternehmen national, regional, international oder transnational und sind untereinander durch Austauschverträge verbunden.
Die ersten Agenturen wurden im 19. Jahrhundert gegründet, die Übergänge zu einem öffentlichen Nachrichtensystem, die Anfänge demokratischer, politischer und ökonomischer Öffentlichkeiten und die Entstehung der Massenpresse begleitend. Mit der Erfindung des Telegrafen (1837) wurde die Übermittlung elektrifiziert, die Nachricht zur Ware. Die „Gründeragenturen“:


– 1835: Havas (Paris), nach dem Gründer Charles-Louis Havas benannt;
– 1848: Associated Press (AP, New York), von sechs Zeitungen ins Leben gerufen;
– 1849: Wolffsches Telegraphenbüro (WTB, Berlin), gegründet von Bernhard Wolff;
– 1851: Reuters (London), nach dem Namen des Gründers Paul Julius Reuter.


Schon 1859 kam es zu einem Austauschvertrag zwischen Havas, Reuters und WTB, die zu einer Teilung der Welt in Nachrichtensphären führte, für die einzelne Agenturen im Stil ihrer imperialistischen Regierungen zuständig waren. Nationale Agenturen konnten nur über das Kartell Nachrichten beziehen und untereinander austauschen. Es wurde 1934 aufgehoben, seither gelten direkte Austauschverträge.
AP und Reuters bestehen heute noch, während Havas 1944 durch Agence France Presse (AFP) ersetzt wurde. Das WTB wurde 1934 mit der Telegraphen-Union (TU) zum nationalsozialistischen Deutschen Nachrichten-Büro (DNB) zusammengelegt, an dessen Stelle 1949 die Deutsche Presse-Agentur (DPA) trat. Bis zum Untergang der Sowjetunion 1991 war auch die 1925 gegründete Telegrafnoje Agenstwo Sowjetskogo Sojusa (TASS) eine Weltagentur. Mit AP, Reuters, AFP und der 1958 gegründeten amerikanischen United Press International (UPI) bestimmen heute aber Nachrichtenagenturen der nordwestlichen Industrieländer den globalen Nachrichtenmarkt. Allerdings wurde seitdem im Zuge der politischen Emanzipation der Entwicklungsländer, der weltweiten Entwicklung der Massenkommunikation und der Entstehung nationaler Agenturen in den meisten Ländern der Erde im Rahmen der Unesco vielfach die Forderung nach einem freien und ausgewogenen internationalen Informationsfluss und einer neuen internationalen Informationsordnung erhoben.

Literatur: Blöbaum, Bernd: Nachrichtenagenturen in den Nord-Süd-Beziehungen. Eine Studie zur Entwicklung, Struktur und Reform der Weltnachrichtenordnung. Berlin: Spiess 1983. – Fenby, Jonathan: The international news services. New York: Schocken 1986. – He, Jianming: Die Nachrichtenagenturen in Deutschland. Geschichte und Gegenwart. Frankfurt [...]: Lang 1996. – Wilke, Jürgen (Hrsg.): Agenturen im Nachrichtenmarkt. Reuters, AFP, VWD/dpa, dpa-fwt, KNA, epd, Reuters Television, Worldwide Television News, Dritte-Welt-Agenturen. Köln [...]: Böhlau 1993. – Wilke, Jürgen / Rosenberger, Bernhard: Die Nachrichten-Macher. Eine Untersuchung zu Strukturen und Arbeitsweisen von Nachrichtenagenturen am Beispiel von AP und dpa. Köln [...]: Böhlau 1991.

Referenzen:

Agence France-Press (AFP)

Havas


Artikel zuletzt geändert am 06.02.2012


Verfasser: PM


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