Lexikon der Filmbegriffe

cinéma du comportement

frz., = Kino des Verhaltens

Realistische Stilvariante des fiktionalen Kinos. Das westeuropäische cinéma du comportement, das sich um die berühmte Tetralogie Antonionis aus der ersten Hälfte der 1960er Jahre (darunter La Notte, Italien 1961) gruppieren lässt und bestimmte gesellschaftlich relevante Verhaltensweisen der Figuren zur Darstellung bringt, die der Autor als ‚Krankheit der Gefühle‘ bezeichnete, geht anders als das Kontinuitätskino Hollywoods vor: Um die bedeutsamen Verhaltensmuster zeigen zu können, bedurfte es etwa einer Kameraführung, die nahe am Tatsachen-Bild blieb, dabei aber in den Arrangements Haltungsnuancen der Figuren stilisierte und diese damit hinlänglich analysierbar und zugleich erzählbar werden ließ. Dies wiederum setzte bei der mise en scène eine Einbindung der Figurenarrangements in das architektonische Umfeld voraus und legitimierte äußerlich ruhige und beinahe langatmige Szenen, die oft in ausgedehnten Plansequenzen dem Zuschauer die Chance gaben, die Helden bei ihren zurückhaltenden Aktionen, meist Kleinsthandlungen des Alltags, zu beobachten. Letzteres nicht selten aus der Totalen oder der so charakteristischen amerikanischen Einstellung heraus, weil deren Distanz garantierte, dass auch Körperhaltung und allgemeiner Figurengestus Aufschlüsse über Qualitäten des Verhaltens zu geben vermochten. Für den Bau der Geschichte hat dies zur Konsequenz, dass sich dramatische Handlungen mit ihren Plots verboten und sich stattdessen offene, sujetlose Fabeln empfahlen, die auf lose verknüpften episodischen Handlungen aufbauten. Eine gestalterische Teilentscheidung ebnet der anderen den Weg oder hält ihr den Rücken frei, und so entsteht insgesamt ein unverwechselbarer funktionaler Komplex der Dominante, die den Stil formiert. Eine ganze Reihe von osteuropäischen Filmen stehen der Stiltendenz des cinéma du comportement nahe, insbesondere wenn es darum geht, Schwierigkeiten, überhaupt zu handeln (wie in Popiol i Diament, Polen 1958, Andrzej Wajda), oder repressive Alltagsverhältnisse (wie in Cerny Petr, CSSR 1963, Milos Forman), zu thematisieren.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PW


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