Lexikon der Filmbegriffe

Dialektfilm

auch: Mundartfilm

Spiel- oder Dokumentarfilm, dessen Dialoge oder Kommentar nicht in einer nationalen Hochlautung, sondern in regionalen gesprochenen Sprachen abgefasst sind. Dialektrede wird dramaturgisch zur Verstärkung von Authentizität und für ein hohes Maß an Wiedererkennbarkeit sprachräumlicher Faktoren eingesetzt. Eine große Nähe zu den Charakteren – in der Regel kleine Leute – und hohe Präzision der Milieuschilderung kennzeichnen den Stil – einer der Gründe, warum in den Programmatiken des Neorealismus der Dialekt der Akteure hohe Aufmerksamkeit hat, bis zur Notwendigkeit der Untertitelung, um den Film dem nationalen Publikum zugänglich zu machen (wie es bei La Terra trema: Episodio del mare, Italien 1948, Luchino Visconti, nötig war; auch Frederick Forsyths Gregory's Girl, Großbritannien 1981, musste für die englische Auswertung untertitelt werden, weil er in breitem schottischen Dialekt aufgenommen ist, der für die meisten Englischsprecher unverständlich ist). Politische Bedeutung hat der Dialektfilm in mehrsprachigen Ländern, aber u.U. auch in Krisenzeiten; für das Selbstbewusstsein der (Deutsch-)Schweiz etwa gewann der auf Schweizerdeutsch gedrehte Film in der Phase der geistigen Landesverteidigung gegen das nationalsozialistische Deutschland in den 1930er und 1940er Jahren hohes Ansehen (Romeo und Julia auf dem Dorfe, 1941, Valerien Schmidely, Hans Trommer).
Der Mundartfilm dient ebenso dazu, eine Entdialektalisierung moderner Gesellschaften zu betreiben wie aber auch das Selbstbewusstsein von Sprachminoritäten gegen den Druck der Herrschafts- und Amtssprachen zu stärken. Die Filme des italienischen Komikers Totos etwa, die auf dem Neapolitanischen basieren, sind auch lesbar als Versuche, ein allgemein verständliches Italienisch durchzusetzen. Während der Heimatfilm einen mehr oder weniger realitätsfernen Pseudodialekt zelebriert, legt der neue Heimatfilm oft viel Wert auf detailgetreue Dialektlautung.

Beispiele: Höhenfeuer (Schweiz 1985, Fredi M. Murer); Der Herr Karl (Österreich 1961, Carl Merz, Helmut Qualtinger); Die Siebtelbauern (Österreich 1998, Stefan Ruzowitzky).

Literatur: Aeppli, Felix: Vorsicht Baseldeutsch! Zur Funktion des Dialekts im Schweizer Film. In: Zürcher Filmrollen. Hrsg. v.d. Zürcher Kantonalbank. Zürich: Selbstvlg. 2005, S. 32-43. – Gaudenzi, Cosetta: Memory, dialect, politics: linguistic strategies in Fellini's Amarcord. In: Federico Fellini: contemporary perspectives. Ed. by Frank Burke & Marguerite R. Waller. Toronto: University of Toronto Press 2002, S. 155-168. – Sitney, P. Adams: Visconti: the national language, dialect, and the southern question. In seinem: Vital crises in Italian cinema. Austin: University of Texas Press 1995, S. 58-78.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: UK CA


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