Lexikon der Filmbegriffe

capraesk

engl.: capraesque

Die Bezeichnung „capraesk“ basiert auf der inneren Werteorientierung der Filme von Frank Capra aus den 1930ern, denen oft eine populistische Tendenz unterstellt worden ist. Allerdings sind die Filme Capras weniger dem Programm der populistischen Partei verpflichtet, die in Capras Film Meet John Doe (1941) auftritt und in vielem an Parteien der amerikanischen Realität erinnert, als vielmehr auf einer emphatischen Beziehung zu den agrarischen Wurzeln der amerikanischen Gesellschaft resp. des „American Dream“ aufgerichtet. Der Glaube an eine ursprüngliche Gutheit der Natur und des Menschen als eines Geschöpfes der Natur ist oft im Kontrast eigentlich „naiver“ Helden mit Figuren, die dem urbanen Amerika zugeordnet sind, artikuliert. Handlungsorientierungen wie Geldgier, die bedingungslose Suche von Journalisten nach der Sensationsmeldung, Hedonismus gepaart mit Verantwortungslosigkeit, Entfremdung und Anonymität bilden eine Gegenwelt, gegen die die Helden ihre ursprünglichen Werte durchsetzen müssen (manchmal unter Zuhilfenahme solcher erzählerischer Tricks wie des Wunders resp. des deus ex machina). Filme wie Mr. Smith Goes to Washington (1939), Meet John Doe (1941) und vor allem It's a Wonderful Life (1946) exemplifizierten diese Wertewelt als eine ebenso einfache wie eindrückliche Rückbesinnung auf fundamentale Orientierungen der amerikanischen Tiefenideologie. Paradoxerweise inszeniert Capra die Vorstellung eines ruralen und pastoralen Amerika aber als Projektionen, als rückwärtsgewendete Phantasien des modernen, urbanen Amerika. Die Figur des John Doe trifft die „Farmerfiguren“, die ihn als Idol verehren, in New York, nicht in den Flächenstaaten.
Eine ganze Reihe von Filmen, die den Wertediskurs in der Art Capras wiederaufnehmen, sind in der Clinton-Ära entstanden und werden in der Kritik oft als „Neo-Capra-Filme“ bezeichnet. Zu ihnen zählen Hero (1992, Stephen Frears), The Distinguished Gentleman (1992, Jonathan Lynn), Dave (1993, Ivan Reitman), The Hudsucker Proxy (1994, Joel and Ethan Coen) und The American President (1995, Rob Reiner). 

Literatur: Brass, Tom: Peasants, Populism, and Postmodernism. The Return of the Agrarian Myth. London/Portland, OR: Frank Cass 2000. – Gehring, Wes D.: Populism and the Capra Legacy. Westport, CT: Greenwood Press 1995. - May, Lary: The Big Tomorrow: Hollywood and the Politics of the American Way. Chicago: University of Chicago Press 2000. – Schulte-Sasse, Linda: Meet Ross Perot. The Lasting Legacy of Capraesque Populism. In: Cultural Critique, 25, Autumn, 1993, S. 91-119.


Artikel zuletzt geändert am 02.08.2011


Verfasser: HJW


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