Lexikon der Filmbegriffe

Reflexives Kino

engl.: reflexive cinema

Reflexivität ist in der Grammatiktheorie als Qualität von Verben benannt, die identische Subjekte und Objekte haben können (wie in: „Ich liebkose mich“). Ein Film gilt entsprechend als reflexiv, wenn er den Film als Ausdruckssystem selbst behandelt. Eine ganze Reihe von Beispielen behandeln stofflich das Kino oder die Geschichte des Kinos; dazu rechnen Sunset Boulevard (1950, Billy Wilder), Nickelodeon (1976, Peter Bogdanovich), The Player (1992, Robert Altman) oder auch Cinema Paradiso (1988, Giuseppe Tornatore). Andere Filme wie La Nuit américaine (1972, François Truffaut) oder Otto e mezzo (1963, Federico Fellini) handeln vom Filmemachen und seinen Schwierigkeiten. Dem Backstage-Musical verwandt, geht es in diesen Filmen oft darum, das Kino als sozialen oder kulturellen Ort zu zeichnen, die künstlerische Qualität des Films im Verhältnis zu den anderen Künsten zu diskutieren oder die eigene Qualität der Unterhaltung gegen andere normative Ansprüche an die populären Künste zu verteidigen – oft mit melancholisch-nostalgischem Augenzwinkern.
Zu den Strategien des reflexiven Kinos, das sich explizit gegen das Realismus-Primat des Kinos wendet, gehört auch das Spiel mit Anspielungen, mit verdeckten Bedeutungen, die nur dem cineastisch gebildeten Zuschauer zugänglich sind. Viele Formen der filmischen Ironie basieren auf dieser basalen Voraussetzung. Auch sind viele Formen der Selbstbezüglichkeit (Reflexivität), in denen das Ausdrucksmedium auf sich selbst verweist, an intime Kenntnisse des signifikativen Apparates „Kino“ gebunden, sollen sie durchsichtig (also: wahrnehmungsauffällig und thematisierbar) werden. In einer ganzen Reihe theoretischer Entwürfe wird Reflexität als Charakteristikum des postklassischen Films (etwa der Filme des New Hollywood) angesehen, weil er die Formenwelt des traditionellen Kinos voraussetzt und mit ihm spielt, es variiert, parodiert oder auch nur wiederaufleben lässt.

Literatur: Ames, Chistopher: Movies About the Movies. Hollywood Reflected. Lexington: University of Kentucky Press 1997. – Schäfer, Horst: Film im Film. Selbstporträts der Traumfabrik. Frankfurt: Fischer 1985. – Schleicher, Harald: Film-Reflexionen. Autothematische Filme von Wim Wenders, Jean-Luc Godard und Federico Fellini. Tübingen: Niemeyer 1991. – Stam, Robert: Reflexivity in Film and Literature – From
Don Quixote to Jean-Luc Godard. New York: Columbia University Press 1992. Film und Kritik, 2, 1993 [Themenheft].
 

Referenzen:

Backstage-Musical

Filmgeschichte im Film

Selbstreflexion


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: HJW


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