Lexikon der Filmbegriffe

Teichoskopie

von griech.: teíchos = Mauer, skopía = Wacht, Umschau; dt. oft: Mauerschau

Teichoskopie ist ein dramentechnisches Mittel, Ereignisse, die sich auf der Bühne nicht oder nur schwer darstellen lassen, dennoch auf der Bühne zu realisieren - durch einen meist erhöht stehenden Beobachter, der den anderen Figuren und den Zuschauern von einem Geschehen berichtet, das außerhalb ihrer Sichtweite spielt. Das Verfahren ermöglicht es zudem, den Bericht affektiv aufzuladen, das Geschehen auf diese Weise bewertend und in seiner Bedeutung für die Beteiligten klärend. Warum das Geschehen nicht gezeigt wird, hängt im Theater oft an bühnenpraktischen Gegebenheiten (eine Schlacht ist auf der Bühne nicht zu realisieren), vor allem aber auch an Überlegungen der Ziemlichkeit (wenn es etwa um Greueltaten geht, um Hinrichtungen oder Folterszenarien, die man dem Publikum aus moralischen oder ästhetischen Gründen nicht zeigen will).
Eng verwandt mit der Mauerschau ist der Botenbericht, der allerdings nicht von einem „live“ stattfindenden Ereignis berichtet, sondern vergangene und oft weit entfernte Geschehnisse reportiert.
Auf teichoskopische Szenarien wird im Film vor allem dann zurückgegriffen, wenn das Interesse der Inszenierung sich auf den Ausdruck der Betroffenheit des Sichtzeugen richtet; manchmal auch zeigen Filme, wie Zeugen ihren Live-Bericht aus Rücksicht auf die Zuhörenden filtern und abmildern. Und es finden sich eine ganze Reihe komischer (wie in einigen Filmen Ernst Lubitschs), gelegentlich grotesker Mauerschauen (wie in der Kriegssatire Duck Soup, 1933, Leo McCarey, mit den Marx Brothers).

Literatur: Erdmann, Gerd: Der Botenbericht bei Euripides. Struktur und dramatische Funktion. Kiel, Univ., Diss., 1964. – Hachigian, Margarete: Teichoskopie im deutschen Drama von Klopstock bis Hauptmann. Ann Arbor, Mich. : Univ.Microfilms, 1969. – Joerden, Klaus: Hinterszenischer Raum und außerszenische Zeit. Untersuchungen zur dramatischen Technik der griechischen Tragödie. Diss. Tübingen 1960.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: CA


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