Lexikon der Filmbegriffe

Wetter I: Metaphorologie

Eine ganze Reihe von Filmen nutzt die atmosphärischen Werte des Wetters zur Kennzeichnung der Geschichte aus. Carol Reeds Odd Man Out (1947) etwa beginnt bei schönstem Wetter, bis der Held angeschossen wird (Übergang zu Regen) und am Ende stirbt (Schnee). Trockenheit und Hitze sind in Roman Polanskis Chinatown (1974) Thema des Kriminalfalls, dem der Detektiv nachspioniert – es geht um die illegale Umleitung von Wasser, das Los Angeles zusteht, in die Orangenfelder Nordkaliforniens. Body Heat (1981, Lawrence Kasdan) nennt die schwül-laszive Hitze New Orleans‘ sogar im Titel. Und in The Wind (1927, Victor Sjöström) ist der endlose Wind auch ein Zeichen der Unwirtlichkeit der neuen Realität,
in die die Heldin hineingeraten ist.
Ein globaler semiotischer Hintergrund des Filmwetters ist sein Potential, den Zustand sozialer Beziehungen, Lebensaltersstufen, Entwicklungsstufen des Glücks oder der Macht etc. metaphorisch zu signalisieren, als eine Einheit von Geschehen und Umgebung auszuweisen. So gilt der Herbst als Zeit der Reife, aber auch des Verfalls, als Ende des Sommers (der schönen Zeit) und als Vorstufe des Winters (als einer Inkarnation des Todes; man denke an Sprachbilder wie „Herbst des Lebens“). Filme wie September (1987, Woody Allen) oder der programmatisch betitelte Omnibusfim Deutschland im Herbst (1977/78) spielen mit den metaphorischen Qualitäten des Herbstes als Übergang in die Kälte und Unbehaustheit des Winters. Schnee ist mehrfach als Wetter-Metapher für das Erkalten und Einfrieren sozialer Beziehungen genommen worden (wie in Y aura-t-il de la Neige à Noël? / dt.: Gibt es zu Weihnachten Schnee?, 1996, Sandrine Veysset); aber auch der Tod als Ende von Geschichten ist vielfach mit dem Einbruch des Winters in Korrespondenz gebracht worden (wie in McCabe & Mrs. Miller, 1971, Robert Altman, oder höchst ironisch in Tirez sur le pianiste, 1960, François Truffaut).
Ein ähnlich symbolträchtiges Potential kommt manchmal dem Nebel zu (wie in Identificazione di u.a.donna, 1982, Michelangelo Antonioni). Prominent ist er allerdings vor allem im Schauer- und Horrorfilm, weil der Nebel jede Übersicht über den Handlungsraum extrem behindert.

Referenzen:

Wetter II

Wetter III: Special Effects


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: HJW


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