Lexikon der Filmbegriffe

Vorhang

engl.: curtain, grand drape, main drape

Allgemeine Bezeichnung für die Rahmung von Filmen mit sich öffnenden und schließenden Vorhängen zu Beginn und zu Ende des Stücks. Der Vorhang entstammt den Traditionen des Theaters, verschließt und öffnet die „vierte Wand“, trennt Zuschauer- und Bühnenraum. Wird er geöffnet, beginnt das Spiel (oder es wird beim Aktwechsel unterbrochen); wird er am Ende geschlossen, wenn auch die dargestellte Geschichte zu Ende ist, ist das Finale erreicht; wird er danach noch einmal geöffnet, treten die Akteure als Akteure, nicht mehr als Figuren vor das Publikum (und erhalten Applaus). Vorhänge dienen so zur Kennzeichnung der Fiktionalität des Gezeigten, zur Markierung des besonderen theatralischen Modus etc. Sie schaffen Distanz, weil sie auf das Spiel und seine Nicht-Realität hinweisen.
Vorhänge gehören zu den Kinos der Hochphase der Kinoarchitektur und öffnen sich erst zu Beginn der Vorstellung. Die Anlehnung an die Theateraufführung ist deutlich. Vorhänge werden aber auch immer wieder im Film selbst geöffnet und ermöglichen in dem, was folgt, Übertreibung und Zuspitzung, Besprechung und Ansage. Die Gespieltheit dessen, was folgt, wird ausgestellt. Ein Beispiel ist Ettore Scolas Il Viaggio di Capitan Fracassa (Italien 1990), der von einer Theater-Kompagnie erzählt, und der das Spiel mit (gefilmten) Vorhängen öffnet und schließt.
Der Regisseur Baz Luhrman drehte dieses Argument allerdings um – in seiner „Red-Curtain-Serie“ – zu deutsch etwa: „Konzept des roten Vorhangs“ – (Strictly Ballroom, 1992, Romeo and Juliet, 1996, Moulin Rouge, 2001) stünden die Vorhänge nach seinem eigenen Bekunden für eine Entscheidung, die das Publikum treffe und die dazu führe, dass sie in einem ganz eigenen Sinne zu einem Teil des Films würden. Der Vorhang ermöglicht hier explizit den Übergang in die Welt der Illusion und ist nicht allein Markierung dieser ontologischen Grenze.

Literatur: Radke-Stegh, Marlis: Der Theatervorhang. Ursprung, Geschichte, Funktion. Meisenheim am Glan: Hain 1978 (Deutsche Studien. 32.).


Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HJW


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