Lexikon der Filmbegriffe

Realismus I

„Realismus“ ist zuallererst Teil des filmkulturellen Lebens und wird von zahlreichen Filmemachern programmatisch reklamiert, die eine Zuwendung des Films zu Fragen des realen Lebens, der Erfahrungen der Zeitgenossen und ähnlichem einfordern. Er ist dann eine Qualität, die sich gegen den Illusionismus der Studioproduktionen wendet (wie in den verschiedenen Neuen Wellen), gegen die dominante Unterhaltungsfunktion der Massenware und ihre eskapistischen Potentiale (wie in einer Ideologiekritik des Hollywood-Systems) etc. Für andere ist Realismus dagegen eine primäre ästhetische Qualität des Films, ja gar eine „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ (in der Nachfolge Kracauers).
Die Frage nach dem Realismus markiert eines der komplexesten Konzepte der Ästhetik - die Fähigkeit der Kunst, die äußere Realität unverfälscht darstellen zu können. Heute gehen die meisten Theoriekonzepte des Realismus davon aus, dass die Frage, ob ein Werk realistisch sei, nur aspektuell entschieden werden kann. Zwei Modelle stehen einander gegenüber – eines, das von einer historischen Relativität des Realistischen ausgeht; danach basiert der Eindruck einer realistischen Darstellung auf einem Konzept, das sich im Lauf der Geschichte ändert; und eines, das von der Fähigkeit des Films ausgeht, gewisse Strukturen der Realität zu assimilieren und wiederzugeben; danach kommt das Realistische gewissen Adaptionen realer Strukturen zu, anderen nicht.
Es hat eine ganze Reihe explizit realistischer Stilrichtungen des Kinos gegeben – angefangen von den Straßenfilmen aus dem Deutschland der 1920er, die sich mit den Lebensverhältnissen nach dem Ersten Weltkrieg befassten, über die Filme des sozialistischen Realismus, den italienischen Neorealismus und den Sozialrealismus des englischen Free Cinema und des Kitchen Sink Cinema. Und auch viele der Kinematographien der Dritten Welt waren und sind realistisch motiviert.

Literatur: Black, Joel: The reality effect. Film culture and the graphic imperative. New York [...]: Routledge 2002. – Hallam, Julia / Marshment, Margaret: Realism and popular cinema. Manchester [...]: Manchester Univertsity Press 2000. – Jerslev, Anne (ed.): Realism and „reality“ in film and media. Copenhagen: Museum Tusculanum Press 2002. – Williams, Christopher (ed.): Realism and the cinema. A reader. London: Routledge and Kegan Paul 1980.
 

Referenzen:

Realismus


Artikel zuletzt geändert am 24.07.2011


Verfasser: AS


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