Lexikon der Filmbegriffe

Empirische Literaturwissenschaft

Modell der Textanalyse, das sich nicht allein für textuelle Strukturen, Gattungsphänomene und andere morphologische Tatsachen der Literatur interessiert, sondern Texte als Ergebnisse „literarischen Handelns“ ansieht und sie damit in einen kommunikativen Horizont einrückt, der sie ebenso einer pragmatischen wie einer empirischen Analyse öffnet. Die Empirisierung der Untersuchung des Literarischen ist einerseits von einer eher rezeptionsästhetischen und -psychologischen Warte aus gefordert worden (eng verbunden mit dem Namen Norbert Groeben); hier geht es primär um psychologische Prozesse, mit denen die Aneignung, Weiterverarbeitung, Kanonisierung etc. von Literatur verbunden ist. Sie wurde andererseits als literatursoziologisches Projekt formuliert (verbunden mit dem Namen Siegfried J. Schmidt), in dem „Literarizität“ nicht als qualitative Eigenschaft von Texten verstanden wird, sondern als Ergebnis von Handlungen, die konventionellerweise als „ästhetisch“ verstanden werden. Gerade nach letzterem Zuschnitt sucht sich die Analyse der literarischen Gegenstände in die Ergebnisse empirisch arbeitender Disziplinen für das Verständnis von Texten (genauer: von Texten im Prozess gesellschaftlicher Kommunikation) einzudenken. Wissenschaftsgrenzen werden dabei durchlässig. Vermittelnd bleibt immer die Arbeit am Gegenstand: Es gilt, die komplexen Zusammenhänge von Kunstproduktion, -rezeption, -vermittlung und -verarbeitung zu verstehen und zu beschreiben.
Das Gegenstandsfeld weitet sich über die Analyse der Texte des Korpus hinaus gewaltig aus - die Vermittlung (und Vermarktung) von Literatur in Literaturkritik und Schule, die Produktion durch den Autor oder den Verlag, die Distribution in Buchhandel, Buchklubs und sogar „unter dem Ladentisch“, die Aufbereitung von „Werken“ in der Werbung und zahlreiche Formen der Begleit- und Rahmenkommunikation, Nutzungen von Texten in subversiver Absicht, schließlich die Rezeption durch den individuellen Leser selbst erweisen sich als Dimensionen und Teil-Areale einer Literaturwissenschaft, die sich für das Leben der Literatur im sozialen Feld interessiert. Dass das zwischen Rezeptionspsychologie, Kunstsoziologie und Systemtheorie formierte Projekt einer Empirisierung der Literaturwissenschaft breitere Geltung hat und sich auf die Analyse medialer Texte ausdehnen lässt, ist spätestens seit Schmidts Versuchen, ein „Handlungsrollen-Modell“ für die Fernsehanalyse aufzustellen, greifbar.

Literatur: Groeben, Norbert: Rezeptionsforschung als empirische Literaturwissenschaft. Paradigma- durch Methodendiskussion. Kronberg: Athenäum 1977. 2. überarb. Aufl. Tübingen: Narr 1980. – Groeben, Norbert: Methodologischer Aufriss der empirischen Literaturwissenschaft. In: SPIEL (Siegener Periodikum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft) 1, 1982, S. 26-89. – Hauptmeier, Helmut / Schmidt, Siegfried J.: Einführung in die Empirische Literaturwissenschaft. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg 1985. – Schmidt, Siegfried J.: Grundriss der Empirischen Literaturwissenschaft. Frankfurt: Suhrkamp 1991. – Schmidt, Siegfried J. / Spiess, Brigitte: Die Geburt der schönen Bilder. Fernsehwerbung aus der Sicht der Kreativen. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Vlg. 1994.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HJW


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