Lexikon der Filmbegriffe

Pathos

griech. pathos = Unglück, Leiden, Affekt, Leidenschaft

Pathos
bezeichnet in der aristotelischen Dramentheorie den Schmerz, den der tragische Konflikt bei den Figuren auslösen kann und der die Katharsis vorbereitet. Im weiteren Sinne versteht man darunter die Leidenschaft, die – oft mit Schmerz gekoppelt – als Wirkung von der Musik, von imposanten Werken der Architektur oder der bildenden Kunst im Kunstbetrachter entstehen kann. Aristoteles setzte dem Pathos das Ethos entgegen, so dass momentane Leidenschaft dem bleibenden Charakter und den Gewohnheiten des Menschen gegenübersteht. Das Pathos (oder neutraler: das Pathetische) dient dazu, die affektive Angerührtheit durch ein Werk der Kunst oder der Kommunikation zu steigern. Bei Lessing und ähnlich dann bei Schiller ist das Pathetische als (letztlich moralische) Überwindung der Affekte des Schmerzes und der Furcht gefasst. Der Begriff wird seit dem 19. Jahrhundert vor allem als Bezeichnung eines „unangemessenen Gefühlsaufwandes“ verwendet. Im Film ist Pathos vor allem als Qualität der Monumentalästhetik des Nationalsozialismus kritisiert worden, die demonstrativ Affektqualitäten als Formen des Werterlebens gefeiert habe. Das Pathetische, das Szenarien des Films an bestimmte Sinn-, Affekt- und Wertehorizonte anknüpft und dadurch über den Sinnhorizont der Geschichte erhebt, findet sich aber bis heute insbesondere in trivialen und populären Filmen wie The English Patient (Großbritannien 1996, Anthony Minghella) oder Gladiator (USA 2000, Ridley Scott), gelegentlich ironisch gebrochen in den Filmen Charles Chaplins oder auch Heaven (BRD 2002, Tom Tykwer), wenn sich das Heldenpaar vor der gemeinsamen Himmelfahrt noch einmal unter dem Baum der Erkenntnis vereint.

Literatur: Dachselt, Rainer: Pathos. Tradition und Aktualität einer vergessenen Kategorie der Poetik. Heidelberg: Winter 2003. – Pathos, Affekt, Gefühl. Die Emotionen in den Künsten. Hrsg. v. Klaus Herding u. Bernhard Stumpfhaus. Berlin [...]: de Gruyter 2004. – Philological Papers 31, 1985: Agony, Empathy, and Pathos in Modern Literature and Film [Spec. Issue].


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2011


Verfasser: JH


Zurück