Lexikon der Filmbegriffe

Post-Theorie II: Theorien mittleren Niveaus

Insbesondere der von David Bordwell und Noel Carroll herausgegebene Sammelband Post-Theory. Reconstructing Film Studies (1996) wandte sich massiv gegen globalisierende und oft doktrinär vorgetragene Versuche, Eigenschaften der Gesellschaft, der Geschichte, der Sprache und des Bewusstseins allgemein zu erklären, und machte sich stark für „kleine“ Theorien auf kognitivistischer Basis (small-scale theories). Entsprechend wurden fundamentale Konzepte der Grand Theories psychoanalytischer, strukturalistischer und marxistischer Prägung (wie Apparatus, Illusion, Identifikation) ebenso verworfen und durch weniger essentialistische Modelle der Rezeption ersetzt wie der jenen eigentümliche Versuch, in Form von „Metanarrativen“ globale historische oder anthropologische Sinnhorizonte der Kommunikation zu entwerfen.
Gefordert wird eine theoretische Bemühung auf „mittlerem Niveau“ – auf spezifische Phänomene ausgerichtet, an einzelnen, vorher begründeten Fragestellungen orientiert, in unmittelbarer Auseinandersetzung mit empirischer Forschung (was wiederum als „theoretischer Reduktionismus“ von Autoren wie Zizek zurückgegeben wurde). Theoriearbeit ist hier gleichzusetzen mit der Erarbeitung von Kategorien und allgemeinen Mustern, wie vor allem Carroll herausgestellt hat, die im Sinne eines „piecemeal theorizing“ nur für klar abgegrenzte Gegenstände zutreffen sollen und können. Eigene Grundannahmen der posttheoretischen Arbeit sind Vorannahmen (1) über die Prozesse menschlicher Wahrnehmung und Informationsverarbeitung (was wiederum als „Universalismus“ kritisiert wurde), (2) über die Sonderstellung, die Objekte der Kunst sowie die Prozesse der Kunstrezeption genießen (was als Absehung von der Einbettung künstlerischer Texte in gesellschaftliche Prozesse kritisiert wurde), (3) über die Entwicklung der Kunstformen und -stile – darum auch gilt eine stil- und formengeschichtliche historische Poetik des Films in der Filmwissenschaft oft als Gegenentwurf gegen die GT-Orientierung.

Literatur: Bordwell, David: Historical Poetics of Cinema. In: The Cinematic Text. Methods and Approaches. Ed. by R. Barton Palmer. New York: AMS Press 1989, S. 369-398. – Bordwell, David / Carroll, Noel (eds.): Post-Theory. Reconstructing Film Studies. Madison, Wisc.: University of Wisconsin Press 1996. – Grønstad, Asbjørn: The Appropriational Fallacy. Grand Theories and the Neglect of Film Form. In: Film-Philosophy 6,23, Aug. 2002 [online]. – ཉྭi ek, Slavoj: The Fright of Real Tears. Krzysztof Kieslowski Between Theory and Post-Theory. London: British Film Institute 2001.


Artikel zuletzt geändert am 26.07.2011


Verfasser: HJW


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