Lexikon der Filmbegriffe

Post-Theorie I: Kritik an den Grand Theories

meist engl.: post-theory

Ausgangs der 1980er, eingangs der 1990er Jahre wurde vor allem in der Filmwissenschaft massive Kritik an den sogenannten Grand Theories (GTs) angemeldet. Gemeint waren damit die Begriffe und Erklärungsmodelle filmwissenschaftlicher Ansätze, die sich an Psychoanalyse, Strukturalismus und Marxismus orientieren (v.a. die auf den Publikationen der Cahiers du Cinéma aufbauende sogenannte Screen Theory oder Theorien der Subjekt-Positionierung, aber auch kulturalistische Ansätze; manchmal ist auch von den „SLAB-Theorien“ die Rede, womit höchst polemisch Überlegungen zusammengefasst werden, die auf Ferdinand de Saussure, Jacques Lacan, Louis Althusser und Roland Barthes zurückgehen).
Der Vorwurf an die GTs ist mehrfacher Natur: (1) Sie seien aus unterschiedlichsten Bezugstheorien zusammengebastelt, basierten also selbst gar nicht auf einer fundamentalen Gegenstands-Annahme; (2) sie würden in weiten Teilen über assoziative Argumentationen, insbesondere Analogien zwischen sozialen Prozessen und künstlerischen Formen, an die Gegenstände herangeführt; (3) sie seien auf Interpretationen, nicht auf das Wechselspiel zwischen theoretischen Überlegungen und empirischen Untersuchungen aufgebaut; (4) sie verführen oft zirkulär – wenn empirische Analyse durch Interpretation ersetzt werde, die sich am Beispiel aber nur wiederfinde (im Sinne einer self-fulfilling prophecy); (5) außerdem würden in unzulässiger Weise ganze Gruppen von Filmen unter nur pseudo-explikative Kategorien gezwungen (wie z.B. „phallisch“ oder „ödipal“). (6) Vor allem wenden sich die Vertreter der Post-Theorie gegen die Unterstellung, Film sei wie andere symbolische Systeme auch auf der Basis einer Sprachanalogie zu untersuchen. Die Spezifika der filmischen Kommunikation würden dann zu vernachlässigen sein, die formale Organisation sinnlich erfahrbarer Oberflächen trete als Objekt der Analyse ebenso zurück wie die Untersuchung der nicht-semantischen Qualitäten und ihrer Effekte, die aber eigene ästhetische Dignität genössen und die ein Spezifikum filmischer Kommunikation ausmachten.

Literatur: Callus, Ivan / Herbrechter, Stefan (eds.): Post-Theory, Culture, Criticism. Amsterdam: Ed. Rodopi 2004. – McQuillan, Martin [...] (eds.): Post-Theory. New Directions in Criticism. Edinburgh: Edinburgh University Press 2000.


Artikel zuletzt geändert am 26.07.2011


Verfasser: HJW


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