Lexikon der Filmbegriffe

Familiendrama

engl.: domestic drama, family drama

Oft eine populäre Variante des Melodramas, deren zentrales Motiv emotional aufgeladene Konflikte zwischen den Mitgliedern einer Familie sind. Im Vordergrund stehen schmerzhafte Generationenbeziehungen (und nicht, wie im Melodrama sonst üblich, von Verzicht und Entsagung gekennzeichnete Liebesbeziehungen). Zu den wiederkehrenden Motiven gehören Adoleszenz, Sucht und Drogen, immer wieder der Inzest und in selteneren Fällen der Beziehungs- und Familienmord. Allerdings müssen die Geschichten nicht zwangsläufig tragisch enden; je nach Tonfall schließt der Film mit einem mehr oder weniger verhaltenen Happy-End. Familiendramen sind oft Gruppenporträts und bedienen sich der Möglichkeit, (emotionale) Sachverhalte aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder zu beleuchten. Eine zweite Form der Dramatisierung familiärer Beziehungen ist die Familiensaga, die breiter und langatmiger angelegt ist und die Geschichte eines Clans über mehrere Generationen hinweg erzählt, während das Familiendrama eher als Momentaufnahme konzipiert ist.
Einige amerikanische Regisseure haben maßstäbliche Beiträge zum Genre geliefert – William Wyler (The Little Foxes, 1941; Mrs. Miniver, 1942), Orson Welles (The Magnificent Ambersons, 1942), John Ford (How Green Was My Valley, 1941) oder Richard Brooks (Cat on a Hot Tin Roof, 1958); bis heute gibt es immer wieder Dramen, die familiale Strukturen als kollektive Repressionsstrukturen untersuchen (wie Mr. & Mrs. Bridge, 1990, James Ivory). Auch in anderen nationalen Kinematographien ist die Familie als Konfliktherd untersucht worden (BRD: Via Mala, 1948, Josef von Báky; Remake: 1961; Indien: Pather Panchali, 1955, Satyajit Ray; Iran: Rang-e Khoda, 2000, Majid Majidi; Italien: Vaghe stelle dell'Orsa, 1964, Luchino Visconti; Schweden: Fanny och Alexander, 1982, Ingmar Bergman). Insbesondere die südostasiatischen Kulturen scheinen aber Familiendramen als Inszenierungen der Widersprüche zwischen kollektiven Zwängen und individuellen Interessen zu betrachten – man denke an die Dramen der japanischen Regisseure Yasujiro Ozu, Mikio Naruse oder Keisuke Kinoshita, aber auch an neuere Filme wie Beiqing chengshi (aka: City of Sadness, Hongkong 1989, Hsiao-hsien Hou).

Literatur: Flitterman, Sandy: Guest in the house. Rupture and reconstitution of the bourgeois nuclear family. In: Wide Angle 4,2, 1980, S. 18-27. – Hassel, Ursula: Familie als Drama. Studien zu einer Thematik im bürgerlichen Trauerspiel, Wiener Volkstheater und kritischen Volksstück. Bielefeld: Aisthesis 2002. – Trojan, Judith: American family life films. Metuchen, N.J.: Scarecrow Press 1981.

Referenzen:

Familiensaga


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB CA


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