Lexikon der Filmbegriffe

Poststrukturalismus

auch: Neostrukturalismus, Dekonstruktivismus

Poststrukturalismus
ist eine Sammelbezeichnung für vor allem aus Frankreich stammende Theorieansätze seit den 1970ern. Der Richtung zugerechnet werden so unterschiedliche Theoretiker wie Roland Barthes, Jean Baudrillard, Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Michel Foucault, Félix Guattari, Julia Kristeva, Jacques Lacan und Jean-Francois Lyotard. Gemeinsam ist ihnen (die keineswegs ein genuines gemeinsames Theoriefundament haben), dass sie sich vor allem gegen andere Richtungen abgrenzen und so eine Positionierung ex negativo betreiben – eine Wendung gegen anthropologische, humanistische und metaphysische Vorausannahmen von der Autonomie des Subjekts, gegen eine unterstellte Kohärenz von Geschichte, die Annahme einer absoluten Wahrheit und eines festen Textsinns. Die Schlüsselkategorie des Textes ist in diesen das Zeichenverhältnis radikal semiotisierenden Auffassungen keine in sich ruhende, vom Kontext entbindbare Werksstruktur, sondern eine signifikative und signifikante Praxis; Struktur ist nichts Gegebenes und in sich Ruhendes, sondern Produkt und intentionaler Horizont der Tätigkeit des Strukturierens; „Text“ ist nicht Objekt, sondern Arbeit und Spiel. Feste Bedeutungen sind nicht feststellbar, Bedeutung ist der Prozess, gegebene Zeichen in andere Zeichen zu übersetzen und zu expandieren. Die intertextuelle Rückbindung von Texten tritt ganz ins Zentrum; zumindest der Selbstdeklaration nach wird die Trennung von Wissenschaft als Theorie und Kunstobjekte (wie Filme) als deren Objekte wird aufgegeben. Die Vorstellung eines „Autors“ als einer Instanz, die die signifikative und strukturelle Geschlossenheit des Werks garantiert, wird irrelevant. Ein historischer und gesellschaftlicher Referenzrahmen, in dem Kunstproduktion stattfindet und der das Thema einer materialistischen oder semiotischen Kritik an Strukturen und Codes bildete, verflüchtigt sich, weil jedes Nachdenken über semiotische Strukturen wiederum in semiotischen Mitteln geschehen muss. Eine Konsequenz ist eine Analytik, die sich selbst als semiotische Praxis versteht, in der durch Verschiebung, Reflexivmachen u.ä. verdeckte Strukturen der (semiotischen) Repression aufgedeckt werden sollen, die in den vorgegebenen Strukturen enthalten, aber verdeckt sind.

Literatur: Barthes, Roland: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt: Suhrkamp 1988. Frz. Orig. 1985. – Culler, Jonathan D.: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt 1999. Amer. Orig. 1982. – Münker, Stefan / Roesler, Alexander: Poststrukturalismus. Stuttgart [...]: Metzler 2000.


Filmbezogene Literatur: Brunette, Peter / Wills, David: Screen/Play. Derrida and Film Theory. Princeton, NJ: Princeton University Press 1989. – Metz, Walter: Toward a post-structural influence in film genre study. Intertextuality and The Shining. In: Film Criticism 22,1, 1997, S. 38-61. – Smith, Paul: Writing, general knowledge, and postmodern anthropology. In: Discourse 11,2, Spring/Summer 1989, S. 159-170.

Referenzen:

acinéma

Dekonstruktion

différance

Drittes Kino III: Postkolonialismus

Queer Film Studies

Simulacrum

Subtext: Texttheorie

Tod des Autors


Artikel zuletzt geändert am 10.02.2012


Verfasser: HJW


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