Lexikon der Filmbegriffe

Problemfilm

engl.: social problem film; DDR-Jargon: Gegenwartsfilm; ursprünglich wohl ein Ausdruck der westdeutschen Filmkritik der 1950er Jahre

Große unspezifische Gruppe von Filmen, die klassen- oder gruppenspezifische oder individuelle Problem- bzw. Konfliktlagen thematisieren, für die es in der dargestellten Welt keine adäquate Lösung gibt (basierend auf Klassendifferenz, Armut, sozialen Konventionen). Bevorzugte Motive und Themen dieser durchwegs realistisch motivierten Filme sind Sucht und Drogen, Armut, Ehekonflikte, Behinderung (Verstümmelung) und Krankheiten. Oft werden die Probleme oder Konflikte von der Umwelt nicht als solche erkannt oder als unangemessen oder nicht-zulässig verdrängt, so dass ein zweiter Konflikt – die Vereinbarkeit des Problems mit den Anforderungen der Normalitätsvorstellungen, impliziten Normerwartungen und Ziemlichkeitsvorschriften des gesellschaftlichen Umfeldes betreffen – entsteht. Versucht eine Figur, das sie betreffende Problem zu lösen, so verletzt sie oft geltende soziale Normen und wird entsprechend mit Sanktionen bedroht. Insgesamt sind Problemfilme zwar von einer großen Empathie für die Figuren gekennzeichnet, die aus der Not heraus Normverstöße begehen müssen, doch sie zeigen keine Lösungen, geschweige denn ein Happy-End, auf.
Das Genre wird manchmal unterteilt in den Gesellschaftsfilm (bougeois melodrama) und den Problemfilm im engeren Sinne (working-class melodrama), der wiederum in Straßenfilme, Kammerspielfilme und Arbeiterfilme aufgegliedert wird. Alle diese Gruppen entstanden noch in der Stummfilmzeit. In Deutschland wurden Problemfilme während der Nazizeit unterdrückt (mit wenigen Ausnahmen wie Werner Hochbaums Morgen beginnt das Leben, 1933). Erst in den späten 1950ern und in den 1960ern wurde der Problemfilm in der BRD re-etabliert - z.B. in Filmen von Wolfgang Staudte (Kirmes, 1960), Will Tremper (Flucht nach Berlin, 1960), Georg Tressler (Die Halbstarken, 1956) und Frank Wysbar (Nasser Asphalt, 1958). Der „Junge deutsche Film“ umfasste auch eine Zuwendung zu den Stoffen des Problemfilms (Abtreibung, Landstreicherei, Homosexualität, ethnische Abweichung, Arbeitslosigkeit etc.), die zu nennenswerten Teilen inzwischen aber zu einem der größten Themenfelder des Fernsehfilms geworden sind. Die Stoff- und Motivgruppe findet sich nicht allen in der deutschen Filmgeschichte, sondern in allen nationalen Kinematographien der Welt.

Beispiele: Frauennot – Frauenglück (Schweiz 1929/30, Eduard Tissé); Intruder in the Dust (USA 1949, Clarence Brown); On the Waterfront (USA 1954, Elia Kazan); L'Argent (Frankreich 1983, Robert Bresson).

Literatur: Koebner, Thomas: Problemfilm. In: Sachlexikon des Films. Hrsg. v. Tho­mas Koebner. Stutt­gart: Reclam 2002, S. 465-468.

Referenzen:

Familiendrama

SozPäd-Movie


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: UK JH


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