Lexikon der Filmbegriffe

Reise im Film

engl.: travelogue, travel film

Motiv und Erzählmuster vor allem im Spielfilm, aber auch im Dokumentar- und Experimentalfilm. Im Zentrum steht die Reise einer einzelnen Figur, eines Paars oder eines kleinen Kollektivs. Reisen können Such- oder Fluchtbewegungen sein, zielgerichtet oder ziellos, Expeditionen oder Heimfahrten. In der Mehrzahl der Fälle bietet sich das Motiv einer zweiten Lesart an: So ist die eigentliche Reise, die Bewegung von einem Ort zum anderen, oft auch eine innere Reise und damit Anlass zur inneren Entwicklung, die als Charakterstudie inszeniert und als Reifeprozess, gelegentlich auch als Läuterung begriffen wird (so dass am Ende der Reise oft die Frage eines individuellen „Ursprungs“ in den intentionalen Horizont der Reise eintritt); insofern lässt sich das Motiv gut in Parabeln und Allegorien einbetten. Außerdem ist es Grundlage jedes Roadmovies. Viele Reisefilme sind Verbindungen mit anderen Genres eingegangen, die Bewegungen von Station zu Station können eher dem gefahrvollen Abenteuerfilm oder der Paarkomödie zugesprochen werden, können eher eine Passage aus dem Leben eines „Drifters“ darstellen oder ein burleskes ‚Hindernisrennen’, mit offenem Ende, der Gewähr der Rückkehr oder der unendlichen Fortsetzung. Der Reisefilm gerade neueren Datums ist reflexiv, thematisiert seine eigenen Voraussetzungen: Es ist die Begegnung des Eigenen und des Fremden, die Erprobung der eigenen Identität einer fremden Welt gegenüber. Gerade im Dokumentarfilm ist immer wieder auch von der Möglichkeit die Rede, als Reisender vor dem bereisten Land Fremder zu bleiben, ge- und befangen in den eigenen kulturellen Zugehörigkeiten. Ältere Reisefilme dagegen bleiben dem Fremden gegenüber fremd, exponieren es als exotische Kulisse, jedoch nicht als Begegnung mit einer fremden Kultur.
Begebenheiten und Bekanntschaften, die sich auf der Reise oder während (freiwilliger und unfreiwilliger) Aufenthalte ergeben, gehören ebenso zur Rezeptur wie der tendenziell hohe Stellenwert der Landschaft, in der die Reise stattfindet und die oft als veräußerlichtes Symbol für die „innere Landschaft“ der Reisenden, ihre innere Verfassung daher kommt. Nicht jede Reise verläuft angenehm: Denkbar ist auch der beunruhigende Fall der Irrfahrt, deren Ziel, wenn überhaupt, nur äußerst diffus zu erkennen ist.

Beispiele: Viaggio in Italia (Italien 1953, Roberto Rossellini); Around the World in 80 Days (USA 1956, Michael Anderson); Alice in den Städten (BRD 1973, Wim Wenders); A Passage to India (Großbritannien 1984, David Lean); El Viaje (Argentinien/Frankreich 1992, Fernando E. Solanas); The Motorcycle Diaries (Die Reise des jungen Che, USA/Deutschland/Argentinien/Großbritannien 2004, Walter Salles).

Literatur: Beilenhoff, Wolfgang: Andere Orte: Sans soleil als mediale Erinnerungsreise. In: CICIM: Revue pour le Cinéma Français, 45-47, Sept. 1997, S. 109-128. – Deeken, Annette: Reisefilme. Ästhetik und Geschichte. Remscheid: Gardez-Verlag 2004. – Doherty, Thomas: The age of exploration: the Hollywood travelogue film. In: Cineaste 20,2, 1993, S. 38-40. – Schelbert, Corinne: Die Fahrt im Kreis-Allegorie der Entfremdung: Zu Alain Tanners Messidor. In: Cinema (Zürich) 25,1, 1979, S. 51-62.
 

Referenzen:

Expeditionsfilm

Irrfahrt

Phantom Rides

Reisefilm

Road-Movie


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: PB AS


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